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Tagebuch einer Sternenmama

Da war die Welt voller Vorfreude auf unser Kind, doch von einem Herzschlag auf den nächsten war nichts mehr wie zuvor. Es trifft einen wie ein Schlag und die Welt steht plötzlich still… Drei Kinder mussten wir insgesamt zu den Sternen gehen lassen, bei unserem dritten war und ist der Weg besonders schwer. In der Hoffnung, dass die/der eine oder andere Betroffene vielleicht Trost und Mut darin findet, und weil aufschreiben mir hilft zu verarbeiten, habe ich mich entschieden, meine Gedanken und Gefühle hier in einer Art Tagebuch zu teilen.

Einer meiner schlimmsten Tage

Ich wache auf aus einer Operation, in der man mir mein Kind, das sich nicht in der Gebärmutter, sondern im Eileiter eingenistet hatte, entfernt hat. Der Op-Pfleger frägt, wie es mir geht und ob ich Schmerzen habe. Ich kann nur mit Tränen reagieren und der Pfleger spritzt mir ein Schmerzmittel. Ich werde auf die Station gebracht und als mein Mann das Zimmer betritt, strecke ich beide Arme nach ihm aus. Der einzige Gedanke, der in meinem Kopf Platz hat, ist, dass unser Baby doch GELEBT hat.

Zwei Stunden später kommt die Ärztin und erklärt uns, dass die OP wirklich in allerletzter Minute geschah, der Eileiter kurz vor dem Platzen gestanden hatte und ich ernsthaft in Lebensgefahr war. Dass der Eileiter entfernt werden musste, dass der andere Eileiter nicht voll funktionsfähig ist und dass wir auf natürlichem Weg sehr wahrscheinlich keine Kinder mehr bekommen können. Das gesamte Gespräch findet sehr ruhig, respektvoll und achtsam statt. Diese Ärztin ist ein großes Geschenk für all ihre Patientinnen. Dennoch, als sie den Raum verlassen hat, merke ich, dass es mir JETZT den Boden unter den Füßen wegzieht. Mein Mann und ich sind völlig schockiert angesichts all der Dinge, die in diesen wenigen Stunden auf uns einprasseln. Wir sind traurig und schockiert, doch wir sind es zusammen. Und wir sind dankbar, dass wir unsere beiden gesunden Kinder zuhause haben, die plötzlich ein noch viel größeres Wunder sind.

Als mein Mann am Abend nach Hause fährt, fühle ich mich hundeelend. Ich habe Schmerzen und bin immer noch nicht in der Lage zu verstehen, dass ich nun nicht mehr schwanger bin. Jedes Mal, wenn die Tränen etwas weniger werden, fangen sie gleich wieder an zu laufen. Ich lasse mir ein weiteres Schmerzmittel geben und versuche zu schlafen.

Tag 1 danach

Um halb sechs kann ich nicht mehr schlafen. Immer noch habe ich ordentliche Schmerzen im Bauch und so habe ich nicht tief genug geschlafen, um beim Aufwachen mit der Realität konfrontiert zu werden, sie ist mir überdeutlich bewusst. Ich beginne ein Buch über Fehlgeburt zu lesen, das eine Doula-Kollegin schon vor einiger Zeit empfohlen hat und das ihr sehr geholfen hat. Es ist ein kleines Buch mit vielen tröstenden Worten, doch es handelt nur von Babys, die gestorben sind und dann geboren oder ausgeschabt werden. Ich finde viele Sätze, die mir gut tun, doch es hat keinen Trost, keine Linderung für den am tiefsten sitzenden Schmerz: mein Baby hat gelebt, die Schwangerschaft war intakt, wie man so schön sagt. Sie war nur an der falschen Stelle. Ich habe das Gefühl, der Schmerz über einen weiteren Verlust aushalten zu können, doch an dieser Stelle befindet sich ein Meer der Verzweiflung, dunkel und tief und ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Irgendwann höre ich auf, in dem Buch zu lesen und beginne damit, meinem Kind einen Brief zu schreiben:

„Mein geliebtes Kind,
nach langen Monaten des Wartens und zwei traurigen Verlusten, hast du dich endlich auf den Weg zu uns gemacht. Natürlich war die Freude groß, als wir von dir erfuhren, aber wir hatten auch riesige Angst, dich ebenfalls zu verlieren. Nach fast drei Wochen zwischen Angst und Vorfreude, hast du dich gestern zum ersten Mal gezeigt. Eine kleine perfekte Fruchthöhle, darin ein Baby mit schlagendem Herzen. Dieser Moment hätte der schönste der letzten zwei Jahre sein sollen. Aber es war der Schrecklichste. Du hast es dir am falschen Ort gemütlich gemacht, im Eileiter. Und so fand ich mich, ehe ich es überhaupt realisieren konnte, im Vorraum eines OPs wieder, wo ich für einen Schwangerschaftsabbruch vorbereitet wurde. Ganze drei Buchstaben hat die Medizin für diese Katastrophe übrig: EUG… am liebsten hätte ich sie alle angeschrien, dass ich das nicht will und dass sie mir dich nicht aus dem Bauch schneiden dürfen. Du lebst doch, ich habe es mit eigenen Augen gesehen und deinen Herzschlag gehört. „Es muss sein“ sagten sie zu mir, und „Sie haben keine Wahl. Ihr Baby wird sowieso sterben, hier geht es um ihr Leben!“ Ich habe keine Wahl, aber ich finde darin keinen Trost. Ich wollte dich, mehr, als ich jemals etwas wollte. Dein Papa wollte dich und deine große Schwester war außer sich vor Freude, als sie fragte „Mama, dein Bauch ist so dick, ist da ein Baby drin?“ und ich – voller guter Hoffnung – es nicht übers Herz brachte, sie anzulügen. Sie und dein Bruder bedachten den Bauch und damit dich, seither mit jeder Menge Küssen und Zärtlichkeiten. Wir alle haben uns so auf dich gefreut und dich jede Sekunde mit ganzem Herzen geliebt. Es ist unfassbar schwer auszuhalten, dass du dein Leben nicht leben durftest, dass dein kleines Herz, das seine Arbeit doch gerade erst aufgenommen hatte, nicht länger schlagen durfte. Möge Gott sich deiner annehmen, dich geborgen halten, wiegen und dir einen Namen geben, so wie ich es nur zu gerne getan hätte. Wir werden dich in unseren Herzen tragen und uns eines Tages hoffentlich in Gottes Garten begegnen. Ich liebe dich,
deine Mama“

Ich fühle mich völlig leer, einsam und verzweifelt. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit meinem Schmerz umgehen soll, immer und immer wieder kreisen meine Gedanken darum, dass ich mein so gewünschtes Baby nicht behalten durfte. Ich überwinde mich und schreibe meiner Doula, ob sie mich nicht besuchen kommen kann. Ich habe große Hemmungen das zu tun, hat sie doch selbst 5 Kinder und die Entfernung ist alles andere als ein Katzensprung. Ich weiß nicht, wie sie es macht, dieser wundervolle Mensch, aber sie verspricht mir, zu kommen.

Als mein Mann kurz darauf zu Besuch kommt, habe ich mich ein wenig gefangen. Interessanterweise habe ich in dem ganzen Gefühlschaos immer noch Hunger, ein Umstand der mir gar nicht richtig passen will. Normalerweise kann ich nichts essen, wenn es mir schlecht geht und dass ich am emotionalen Tiefpunkt meines Lebens wirklich richtig Hunger habe, geht mir geradezu gegen den Strich. Ich komme mir fast ein bisschen wie ein Verräter vor. Doch meinem Magen hat einfach noch niemand erzählt, dass ich nicht mehr schwanger bin und so macht er einfach weiter, wie die letzten Wochen auch. Das Essen hilft auch irgendwie und als mein Mann wieder fährt, fühle ich mich erstaunlich ruhig.

Ich schlafe ein bisschen und werde dann vom Besuch meiner ersten Hebamme geweckt. Ich war in meiner ersten Schwangerschaft viel hier im Krankenhaus und sie arbeitet noch immer hier. Während ich gestern auf die Untersuchung gewartet habe, fragte ich sie, ob sie da ist, da ich mir in all dem Schrecken ein bekanntes Gesicht wünschte. Sie war nicht im Haus, versprach aber, am nächsten Tag zu kommen. Mit ihr kann ich überraschenderweise völlig gefasst und ohne eine einzige Träne über alles reden. Ich erzähle ihr vom Ergebnis der Operation und sie erklärt mir noch einige Details. Im Nachgang haben sich doch noch einige Fragen gestellt (zum Beispiel, ob ein Eierstock ohne Eileiter noch einen Eisprung hat und wo der dann hingeht. Ja, hat er und das Ei springt in den Bauch und nein, das stellt kein Risiko für eine Bauchhöhlenschwangerschaft dar, die Stelle wo vorher der Eileiter war, wurde verschlossen), die sie mir geduldig und ausführlich beantwortet. Auch über das Vorgehen bei einer künstlichen Befruchtung lasse ich mir viel Erzählen, da mein Mann und ich uns auch immer wieder die Frage stellen, ob wir uns gerade „nur“ von unserem Baby verabschieden, oder auch von unserem Wunsch nach einem dritten Kind. Ich wundere mich selbst über meine Sachlichkeit, doch das Gespräch tut mir sehr gut und ich bin dankbar, dass sie sich die Zeit für mich genommen hat.

Als sie wieder geht frage ich mich, wie es möglich sein kann, dass ich mit ihr so emotionslos über all das reden konnte. Und auch jetzt scheinen meine Gefühle gerade eine Pause einzulegen, was mir fast ein bisschen Angst macht. Doch als die Tür aufgeht und mir meine Doula um den Hals fällt, sind alle meine Gefühle und meine Tränen wieder da. Wir reden über dieselben Sachen, doch jetzt sind die Gefühle plötzlich wieder mit dabei. Wir machen uns Gedanken über die Verwachsungen und fangen an, Bilder davon und von intakten Eileiterschwangerschaften zu googeln. Auch wenn es sich verrückt anhört, es tut gut, zu SEHEN, was Sache ist.

Auch mein Mann kommt mit unseren Kindern nochmal kurz bei mir vorbei. Ich habe zwar ein bisschen Angst vor der Begegnung und den Erklärungen, doch es ist wahnsinnig schön, sie zu sehen. Unsere Tochter hatte am Morgen nachgefragt, was passiert ist, warum ich im Krankenhaus bin und ob es dem Baby gut geht. Daraufhin hat mein Mann ihr gesagt, dass unser Baby nicht mehr in meinem Bauch sondern jetzt im Himmel ist. Sie war sehr traurig und ich habe ein wenig Angst vor ihrer Reaktion, wenn sie mich sieht. Doch die beiden freuen sich einfach, bei Mama zu sein und so ein Krankenhaus ist natürlich ein spannender Ort. Weil aber eine 4 Jährige und ein 2 Jähriger doch für reichlich Unruhe sorgen, bleiben sie nicht lange.

Meine Doula und ich unterhalten uns noch ein bisschen und langsam haben auch allgemeinere Themen Platz in unserem Gespräch. Als ihr Mann sie abholt bin ich zwar reichlich kaputt, fühle mich aber eindeutig besser.

Später am Abend besucht auch meine Mama mich und wir machen noch einen Spaziergang in der Abendsonne. Zum dritten Mal an diesem Tag spreche ich über dieselben Dinge und wieder in einer völlig anderen Gefühlslage. Hand in Hand laufen wir über das Klinikgelände und meinen Kummer und meinen Schmerz bei meiner Mama lassen zu dürfen ist Balsam für meine Seele. Sie ist einfach nur für mich da, weint mit mir und hört sich geduldig immer und immer wieder an, was ich erzähle. Es ist unsagbar tröstlich, meine Mama an meiner Seite zu haben.

Dieser Tag fühlte sich unendlich lang an, doch er war gut. Er hatte Raum für Tränen und Schmerz, für Information und distanziertes Betrachten und er brachte jede Menge Trost. Und vor allem habe ich ihn hinter mich gebracht.

Tag 2

Der heutige Morgen ist nicht besser, als der gestrige. Ich habe Schwierigkeiten, im Tag anzukommen, die Trauer und die Verzweiflung scheinen sich in der Nacht wie eine Wolke anzusammeln und hängen am Morgen schwer über mir. Mir ist nicht wirklich nach Kontakt, meine Zimmernachbarin versucht ab und zu ein Gespräch mit mir anzufangen, doch meine stummen Tränen schrecken sie im Allgemeinen eher ab.

Bei der Visite fragt die Ärztin mich, ob ich nach Hause möchte und ich breche in Tränen aus. Ich kann die Frage nicht beantworten, ich habe große Angst vor der Normalität daheim. Meine von Herzen geliebte Schwiegermama ist gestern angereist, um sich um die Kinder zu kümmern und mich zu unterstützen, doch auch das ermutigt mich nicht. Ich weiß nicht, ob es mein Gefühlsausbruch oder die Tatsache, dass mein Darm noch streikt, ist, jedenfalls beschließt die Ärztin, dass mir zunächst Blut abgenommen werden und bei der Visite am Nachmittag entschieden werden soll, ob ich nach Hause gehe.

Mein Mann und ich haben beschlossen, dass wir unser Baby gerne mit nach Hause nehmen und mit unserem zweiten kleinen Stern im Garten begraben möchten. Ich scheue mich ein wenig davor, doch ich nehme den Kampf auf und versuche, unseren Wunsch in die Tat umzusetzen. Es gestaltet sich nicht einfach und man macht keinen großen Hehl aus der Verwunderung darüber. Den ganzen Vormittag versuche ich, den richtigen Ansprechpartner ans Telefon zu bekommen. Leider ist es nicht möglich, in dieser Sache etwas zu erreichen und wir werden auf nach dem Wochenende vertröstet.

Eine liebe Freundin kommt mich besuchen und wir gehen eine Runde im Klinikgarten spazieren. Auch für sie ist es schwer zu verstehen, was uns da gerade passiert und wieder haben die gemeinsamen Tränen eine sehr tröstende Wirkung. Mein Umfeld ist ziemlich sprachlos darüber, was uns da gerade alles passiert, keiner weiß so richtig, was er sagen soll. Aber alle drücken ihren Schock und ihr Mitgefühl aus und sagen uns einfach, dass sie gar nicht wissen, was sie uns sagen sollen. Das tut unendlich gut. Ich weiß ja selbst nicht, was ich sagen soll. Ich bin auch froh, dass die meisten mich mit der Frage wie es mir geht, verschonen. Ich wüsste nicht, was ich darauf antworten soll. Ich habe keine Ahnung, wie es mir geht. Ziemlich beschissen erscheint mir die einzige, halbwegs zutreffende Beschreibung.

Meine Zimmernachbarin ist am Morgen entlassen worden und so bin ich heute ziemlich viel alleine. Es gibt zwar schon eine neue Zimmergenossin, aber sie wurde operiert und verbringt die Nacht auf der Überwachung. So komme ich in den Genuss eines Einzelzimmers. Die Ruhe tut mir gut, ich mache mich auf die Suche nach mir selbst und versuche, meine Gedanken ein wenig zu ordnen. Doch immer die kreisen nach wie vor um das schlagende Herz meines Babys und so fließen am Nachmittag wieder viele Tränen. Ich habe seit gestern versucht, auf die Beine zu kommen und immer wieder spazieren zu gehen, um den Druck in meinem Bauch ein wenig abzubauen. Doch heute Nachmittag kann ich mich nicht motivieren. Handy und Fernsehen bieten mir wenig Zuflucht vor meinen Gedanken, also lasse ich sie einfach zu. Auf der Suche nach dem Buch „gute Hoffnung, jähes Ende“ raffe ich mich auf und gehe in die Patientenbibliothek. Dort kann mir leider nicht geholfen werden und ich motiviere mich doch noch zu einem Spaziergang. Schon seit vorgestern weiß ich, dass ich eigentlich meine langjährigste Freundin anrufen und sie informieren sollte. Bisher konnte ich mich nicht überwinden, sie hat selbst noch keine Kinder und unsere Freundschaft ist in den vergangenen Jahren durch Höhen und Tiefen gegangen. Dennoch weiß ich, dass sie es wissen wollen würde und dass sie für mich da sein möchte. Ich suche mir einen ruhigen Platz in der Sonne und rufe sie an. Ich kann kaum reden, so stark kommen meine Gefühle wieder hoch, als ich ihr erzähle, was passiert ist. Sie wusste bisher nicht, dass ich schwanger war und sie ist ziemlich mitgenommen, als ich ihr berichte. Eine halbe Stunde später ist sie bei mir und nimmt mich in die Arme. Sie bleibt ein paar Stunden, stört ja keinen, ich bin ja allein im Zimmer. Wieder darf ich mein Herz ausschütten und wieder finde ich Trost und Verständnis. Sie hat wochenlang nichts von mir gehört und ist nach meinem Anruf sofort an meine Seite geeilt. Eine Erfahrung, die wirklich gut tut!

Unsere Gespräche drehten sich um verschiedene Dinge und als sie geht, fühle ich mich fast schon normal. Ich stehe auf, weil ich auf die Toilette muss und dort bricht meine Welt aus heiterem Himmel noch einmal völlig zusammen. Die Blutung hat eingesetzt und plötzlich ist mir auf einer völlig neuen Ebene klar, dass ich mein Baby verloren habe. Bisher habe ich es gewusst, aber jetzt SEHE ich es. Ich habe das Gefühl, noch tiefer in das Loch zu fallen, aus dem ich mich doch schon mühsam ein kleines Stück heraus gekämpft hatte. Zitternd und schluchzend sitze ich auf dem Bett und kann mich gar nicht beruhigen. Am liebsten hätte ich meinen Mann angerufen, doch der ist den ersten Tag wieder arbeiten und ich will ihn dort nicht noch mehr in Sorge um mich bringen.

Als er später am Abend zuhause ist, ruft er mich an und ich erzähle ihm was passiert ist. Er hatte damit gerechnet, dass mich das so trifft und steht mir, so gut es aus der Entfernung eben geht, bei. Zum ersten Mal sprechen wir über die Möglichkeit, unserem Kind einen Namen zu geben und es beim Standesamt eintragen zu lassen. Vorsichtig machen wir uns auch Gedanken darüber, ob wir uns von unserem Kinderwunsch trennen können oder nicht. Es geht gar nicht darum, sich zu entscheiden, nur um den Austausch unserer Gedanken dazu. Ich bewundere meinen Mann für seine Stärke und für seine Offenheit. Obwohl es eigentlich nicht in seiner Natur liegt, fasst er seine Gedanken für mich in Worte und lässt mich daran teilhaben. Er ist mein Fels, ich habe das Gefühl, ohne ihn hätte mein Meer aus Verzweiflung mich längst verschlungen.

Nach unserem Gespräch bin ich ruhiger und vor allem todmüde. Und wieder habe ich einen weiteren Tag geschafft.

Tag 3 – nach Hause

die Nacht ist mit Abstand die bisher schlimmste. Immer wieder wache ich auf und habe heftige Schmerzen im unteren Rücken und im Bauch. Nun hat auch mein Körper verstanden, dass unser Baby nicht mehr da ist. Ich bin unruhig, finde nicht zurück in den Schlaf, kann mich aber auch nicht dazu überwinden, die Nachtschwester um ein Schmerzmittel zu bitten. Ich möchte nicht, dass sie denkt, ich stelle mich an. Als ich endlich wieder in einen unruhigen Schlaf falle, kommt gefühlt 5 min später der Frühdienst fröhlich durch die Tür.

Auch der heutige Morgen beginnt mit inneren dunklen Wolken und vielen Tränen. Jeder Gang zur Toilette macht mir nun überdeutlich bewusst, dass das alles wirklich passiert ist. Kein Albtraum, aus dem ich wieder aufwachen kann, kein zweites Baby, das sich doch in der Gebärmutter versteckt hatte. Plötzlich habe ich bitterliche Sehnsucht nach meinem Mann, ich möchte mich einfach nur an seiner Schulter ausweinen und in seinen Armen ein bisschen Frieden und Geborgenheit finden. Heute Morgen ist meine innere Leere auch so raumfüllend, dass ich zum ersten Mal nichts essen kann.

Während ich auf die Visite warte, fülle ich die Unterlagen zu unserem Kind aus. Darunter befindet sich ein Bogen, der meine Einwilligung zur Obduktion erfragt. Mir war gesagt worden, dass unser Kind obduziert werde, nicht, dass wir ein Mitspracherecht hätten. Ich stimme nicht zu. Da ich noch immer hoffe, dass wir unseren kleinen Schatz nach Hause holen dürfen, vermerke ich diesen Wunsch ebenfalls auf dem Zettel.

Als mein Mann mich nach der Visite abholen kommt, falle ich ihm zunächst in die Arme und halte ihn ganz fest. Plötzlich will ich ganz schnell hier raus, doch gleichzeitig habe ich große Angst vor dem, was mich daheim erwartet. Ich gebe meine Unterlagen bei einer Krankenschwester, die ich bisher noch nicht kennengelernt habe, ab. Etwas irritiert schaut sie auf das Blatt, mit dem ich die Obduktion ablehne und mein Kind mit nach Hause nehmen möchte. „Das war doch bloß eine EUG?“ fragt sie ihre Kollegin. Ich drehe mich um und gehe. Das war doch bloß eine EUG.

Nein, war es nicht. Es war unser Kind, auf das wir monatelang gewartet haben. Das wir vom ersten Augenblick an geliebt haben. Das wir uns sehnlichst gewünscht haben. Es war unser Kind, das in meinem Bauch gelebt hat und nicht weiter leben durfte. Es war mein Baby. Es ist die größte Katastrophe meines Lebens. Nein. Es war nicht bloß eine EUG.

Zuhause sehen unsere Kinder uns schon vom Balkon aus durchs Tor herein kommen. Beide kommen mir auf der Treppe entgegen und rufen freudig nach Mama. Noch auf der Treppe werde ich stürmisch umarmt und begrüßt. Mein Sohn setzt sich auf meinen Schoß, meine Tochter streichelt mich und fragt mich wie es meinem Bauch geht. Und ob das Baby es im Himmel schön findet. Ich bemühe mich um ruhige Antworten, schaffe es aber nicht ohne Tränen. Ich erkläre meiner Tochter, dass ich sehr traurig bin, dass das Baby nicht mehr in meinem Bauch ist.

Meine Schwiegermama nimmt mich mit ebenfalls feuchten Augen in die Arme, ich bin so dankbar, sie zu sehen und sage ihr das auch. Sie hat keine Worte und flüchtet sich in  Richtung Wäsche. Doch ich weiß, dass sie meinen Schmerz teilt.

Nachdem die erste Aufregung über meine Ankunft abgeebbt ist, erfülle ich mir einen dringlichen Wunsch und gehe endlich duschen. Bis vor zwei Stunden hatte ich noch eine Drainage im Bauch, daher durfte ich nicht. Nun versorge ich die Stelle wasserdicht und stelle mich unter den warmen Strahl. Zunächst tun mir das warme Wasser und das Abwaschen der restlichen OP-Rückstände gut. Ich wünschte, ich könnte den Schmerz einfach ebenso mit wegwaschen. Doch mir ist schon den ganzen Morgen flau im Magen und als ich meine Haare gerade fertig gewaschen habe, wird mir plötzlich richtig übel. Ich gehe auf alle viere und muss mich immer und immer wieder übergeben. Als es dann endlich vorbei ist, komme ich erst gar nicht wieder auf die Beine. Ich weine bitterlich. „Na wenn das mal nicht gewaltig nach Tiefpunkt aussieht“ schießt es mir durch den Kopf. Und mein guter Freund Sarkasmus fügt hinzu „Dann kann es jetzt ja nur noch aufwärts gehen“.

Es fällt mir schwer, meinen Mann nach dem Mittagessen zur Arbeit zu verabschieden. So sehr sehne ich mich danach, bei ihm Ruhe und Trost zu finden. Meine Schwiegermama nimmt die Kinder und geht mit ihnen auf den Spielplatz. Skeptisch, ob ich überhaupt zur Ruhe komme, lege ich mich hin und bin überrascht, als ich zwei Stunden später von der Klingel aus dem Tiefschlaf gerissen werde.

Der restliche Nachmittag vergeht schnell, die Kinder merken, dass es Mama nicht gut geht und pendeln zwischen Heulattacken und Aufmunterungsversuchen hin und her. Immer wieder wollen sie die genähten Stellen auf meinem Bauch anschauen und wundern sich über die Fäden. Geduldig beantworte ich die immer wieder aufkommenden Fragen meiner 4jährigen Tochter nach der Operation, dem Krankenhaus und nach unserem Baby. Es ist spürbar, dass sie das alles sehr beschäftigt und dass sie mich trösten möchte. „Mama, dann bekommen wir einfach ein neues Baby!“ Ich hole tief Luft und ringe kurz mit mir, ob die Wahrheit jetzt das Richtige ist. Ich entscheide mich dafür und sage ihr, dass ich nicht weiß, ob ich nochmal schwanger werden kann. Das in meinem Bauch nicht mehr alles da ist, was man dafür braucht und dass es sein kann, dass auch ein neues Baby nicht geboren wird, sondern auch vom Bauch direkt in den Himmel geht. Sie denkt kurz darüber nach und beschließt dann, mir einen Tanz vorzuführen.

Die abendliche Routine gibt mir Sicherheit, die gewohnten Abläufe das Gefühl, dass mir nicht alles völlig entglitten ist. Als die Kinder schlafen, sitzen meine Schwiegermutter und ich zusammen auf der Couch. Auch sie hat Fragen und ich erkläre nochmals, was genau passiert ist, was gemacht wurde und die Prognose der Ärzte. Wieder laufen auf beiden Seiten Tränen und am Ende sitzen wir still mit unserem Kummer beieinander.

Ich warte noch, bis mein Mann von der Arbeit kommt und lasse ihn von seinem Tag berichten. Doch lange kann ich die Augen nicht mehr offen halten und schließlich habe ich auch diesen Tag geschafft.

Tag 4

Ich habe geschlafen wie ein Stein. Als mein Mann um acht mit dem Kleinen aufsteht, will ich gleich nachkommen, wache aber über eine Stunde später erst wieder auf.

Auch heute komme ich nicht richtig im Tag an, ich finde mich nicht zurecht im Ausnahmeablauf, wenn Oma da ist und alles schon erledigt ist. Ich weiß nicht wirklich, wohin mit mir. Mit meinen Kindern kann ich zwar sehr liebevoll und geduldig sein, doch aktiv mit ihnen zu spielen überfordert mich. Ich bin zwar da, aber nicht richtig anwesend, mehr in mir. Nicht nur dabei zu sein, sondern am Geschehen teilzunehmen fällt mir schwer und immer wieder flüchte ich mich in meine Gedanken.

Ich setze mich an den PC und beginne damit, alles was passiert ist aufzuschreiben. Es tut gut, hilft mir, meine Gedanken zu ordnen. Und gibt mir Zuflucht vor dem Leben, das um mich herum einfach weitergeht.

Plötzlich bekomme ich stark ziehende Schmerzen im Unterleib und im Rücken. Ich atme tief durch und versuche mich zu entspannen. Der Schmerz lässt nach. Ich tippe weiter. Der Schmerz kommt wieder, baut sich auf, wird stärker und ebbt wieder ab. Ich stehe auf, weil Sitzen jetzt gerade ganz schlecht auszuhalten ist. Wieder kommt eine Schmerzwelle und ich begreife, dass ich kleine Wehen habe. Ruhig veratme ich die nächste, bin aber dennoch sehr verwundert. Ich hatte zwar einer Ausschabung nicht zugestimmt, aber damit habe ich nicht gerechnet. Die Blutung kommt auch nicht recht in Gang, aber vielleicht braucht es das jetzt, damit es losgehen kann. Auf die Arbeitsplatte in der Küche gestützt bewege ich mein Becken von rechts nach links und begegne dem Schmerz so ruhig ich kann. Meine Schwiegermutter merkt, dass etwas nicht stimmt und ich erkläre, was los ist. Es tut ihr wahnsinnig leid, weil sie das Gefühl hat, mir nicht helfen zu können. Doch sie kümmert sich um meine beiden Kinder und so kann ich mich ganz auf diese neue, unerwartete Situation einlassen. Sie ist mir eine sehr große Hilfe!

Ich gehe auf die Toilette und finde etwas großes, was ich so zunächst nicht zuordnen kann. Im Geiste danke ich meiner Freundin, die mir mit meiner Doula-Tasche damals Handschuhe geschenkt hat. Ich ziehe welche an und nehme, leicht verwundert über meine eigene Neugier, das Etwas genauer unter die Lupe. Es sieht aus wie eine Eihaut, mit Gewebe, das dem auf der Mama-Seite der Plazenta ähnelt. Meine Frauenärztin hat bei dem verhängnisvollen Ultraschall bevor sie mich in die Klinik geschickt hat, auch eine Pseudo-Fruchthöhle in der Gebärmutter gefunden. Ich vermute, dass es das ist, was ich gerade in der Hand halte. Es wundert mich, wie groß sie ist, fast so groß wie meine Handinnenfläche. Einen Moment muss ich innehalten, um zu überlegen, was ich nun damit tue. Unsicher komme ich zu dem Schluss, dass es zwar Bestandteil der Schwangerschaft ist, mit dem Kind aber nichts zu tun hat und entsorge es.

Die Wehen dauern noch etwa fünfundvierzig Minuten an, ziehende Krämpfe in Unterleib und Kreuzbein. Ein Kirschkernkissen im Rücken verschafft mir Linderung und auch das abgestützt Stehen und mit dem Becken kreisen hilft. Ich kümmere mich um das Mittagessen und lege immer wieder Pausen ein, um die Krämpfe zu veratmen. Nach einem besonders Heftigen, gehe ich noch einmal zur Toilette. Ich habe das Gefühl, dass noch etwas raus muss und versuche, ohne große Hoffnung auf Erfolg, ein wenig in die richtige Richtung zu drücken. Tatsächlich, ein weiterer Teil der Fruchtblase – oder eine weitere? – etwas kleiner als das erste Etwas, kommt. Ich bin überrascht, hätte nicht gedacht, dass ich hier aktiv etwas tun kann.  Danach werden die Krämpfe weniger und hören schließlich ganz auf. Innerlich fühle ich mich ein wenig zwiegespalten, einerseits war ich überrascht von der Heftigkeit und dem plötzlichen und unerwartetem Auftreten der Schmerzen, andererseits  gibt es mir einen gewissen Frieden. Wäre mein Baby an der richtigen Stelle in meinem Bauch gewesen und gestorben, hätte ich keine Ausschabung machen lassen. Ich hätte meinem Körper die Möglichkeit gegeben, das selbst zu regeln. Diese Möglichkeit nicht zu haben, die Schwangerschaft beenden zu müssen und mein Kind nicht gehen lassen zu können, wenn es an der Zeit ist, war und ist für mich nur schwer auszuhalten. Mir wurde nicht nur mein lebendes Baby genommen, ich hatte auch keinerlei Spielraum, um meinen Weg damit zu gehen. Und nun habe ich plötzlich einen kleinen Ersatz dafür bekommen. Natürlich ist es nicht mein Kind, was meinen Körper da gerade verlassen hat, aber es hat etwas Beruhigendes, dass ich zumindest „etwas“ selber machen und von der Natur regeln lassen darf.

Heute Abend komme ich nur schwer zur Ruhe, viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Als mein Mann und ich schlafen gehen, halten wir uns noch lange an den Händen und reden über verschiedene Gedanken. Ihn bei mir zu wissen und an meiner Seite zu haben tut unendlich gut. Seine Ruhe, das Verständnis und die Geduld, mit denen er sich auf meine Gedanken und Gefühle einlässt , sind ein so großes Geschenk.

Am Ende haben wir wieder einen Tag geschafft.

Tag 5

Heute Nacht war  beschissen. Ich habe grottig geschlafen und bin andauernd aufgewacht. Dazu kommt, dass ich um acht bei meiner Frauenärztin sein muss, ein Termin, der mich schon im Voraus aufwühlt.

Dort angekommen werde ich freundlich und mit mitfühlenden Blicken begrüßt. Mittlerweile kennen wir uns eben. Beim Blutabnehmen wird es langsam schwierig eine Stelle zu finden, die noch nicht blau ist… juhu und wir sind noch lange nicht am Ende angekommen…

Gott sei Dank ist das Wartezimmer ziemlich leer und nur ein Babybauch huscht auf dem Flur an mir vorbei. Die glücklichen Kugelbäuche auf den ausliegenden Zeitungen kenne ich schon, die tun mir nichts mehr. Trotzdem säße ich hier lieber selbst mit so einem. Gott, was war ich glücklich, als ich mit meinen beiden Kindern, die ich zur Welt bringen durfte, schwanger war. Immerzu habe ich den Bauch betont und sicher die komplette Zeit im Wartezimmer damit verbracht, selbigen zu streicheln. Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man sich das anschauen muss und man sich selbst nichts sehnlicher wünscht… oder es eben gerade verloren hat. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass meine Mitmenschen unter meinem offen zur Schau gestellten Glück leiden könnten. Heute bin ich da um eine bittere Erfahrung reicher und auch klüger…

Meine Ärztin sieht bei der Begrüßung aus, als wolle sie mich am liebsten in den Arm nehmen. Sie ist ebenfalls sehr betroffen über unser Schicksal und fühlt aufrichtig mit mir. Als ich ihr von der Klinik berichte, geht das natürlich nicht ohne Tränen und sie hört mir geduldig zu. Sie erzählt, dass sie bereits selbst mit meiner Ärztin im Krankenhaus telefoniert hat und bestätigt noch einmal die schlechte Prognose. Auch sie hat damit nicht gerechnet und vorsichtig fragt sie nach unseren Zukunftsgedanken. Wir müssen nun aus medizinischer Sicht drei Monate pausieren, doch sie betont, dass auch Herz und Seele nun Zeit brauchen. Immerhin ist es der dritte Verlust und auch sie sieht den besonderen Schmerz darin, dass unser Baby eben gelebt hat und wir zu dieser Operation gezwungen waren. Sie sagt mir, dass es auch für sie selbst an diesem Punkt wirklich schlimm ist. Ich fühle mich bei dieser Ärztin so gut aufgehoben, es ist so gut, jemanden an der Seite zu haben, der nichts kleinredet, der einen lässt, wie man ist. Wir sprechen kurz über verschiedene Optionen, doch ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, dass wir zur Ruhe kommen. Und dass wir auf jeden Fall vorerst verhüten. Aber auch sie macht deutlich, dass der Weg in die Kinderwunschklinik auf jeden Fall gegangen werden sollte – wenn auch nur, um sich beraten zu lassen.

Sie fragt mich nach meiner Doula-Tätigkeit, ob ich gerade noch Frauen betreue. Und legt mir nahe, für den Moment damit aufzuhören. Es ist schmerzlich, doch auch ich bin schon zu diesem Entschluss gekommen.

Sie lässt mich nun auch nicht allein, bittet mich Ende der Woche wiederzukommen, dann sehen wir auch, wie es mir inzwischen geht und wie lange ich noch krankgeschrieben werden sollte. Bevor ich gehe, bitte ich sie noch um einen Mutterpass für unseren kleinen Engel. Sie verspricht mir, am Freitag einen auszustellen.

Zum ersten Mal, seit ich die Verdachtsdiagnose Eileiterschwangerschaft erhalten habe, kann ich mich überwinden, bei der Arbeit anzurufen. Bisher habe ich alles per Mail geregelt. Das Gespräch mit meinem Chef, der nicht weiß, was los ist, bringt mich – obwohl er sehr freundlich zu mir ist – total an meine Grenzen und zu meinem Ärger kann ich es nicht beenden, ohne loszuheulen. Zu aufgewühlt bin ich noch und zu real macht dieser Arztbesuch, was Sache ist: Ich. Bin. Nicht. Mehr. Schwanger. Es ist vorbei.

Eigentlich wollte ich all meine unangenehmen Themen gleich am Morgen hinter mich bringen und auch in der Pathologie anrufen. Doch ich kann noch nicht, zuerst muss ich meinem Mann völlig aufgelöst von Arzttermin und Cheftelefonat berichten. Der Arme steht gerade unter der Dusche und darf nicht mal zuerst rauskommen, ich heule einfach los und erzähle alles dem Vorhang. Mein Liebster nimmt auch das mit Geduld, duscht zu Ende und nimmt mich einfach in die Arme. Ja, das alles wird noch Einiges an Zeit brauchen.

Nach diesem Vormittag bin ich völlig erledigt und nachdem ich mich mit „ich lege mich ein bisschen hin“ verabschiedet habe, wache ich drei Stunden später wieder auf. Nun fühle ich mich einem Gespräch mit der Pathologin (an die richtige Ansprechpartnerin zu kommen, war nicht ganz einfach, aber endlich haben wir die Nummer) gewachsen und ich rufe sie an.

Die Dame ist nett und offenbar über mein Anliegen informiert. Auf meine kurze Erklärung, dass wir unser Kind gerne abholen möchten antwortet sie mir freundlich, spricht von Material und sagt: „Da war kein Baby.“

Da war kein Baby. Bum. Einfach so.

Ich atme tief durch. Nochmal. Erkläre ihr, dass da durchaus ein Baby war, dass ich eine Stunde vor der Operation den Herzschlag dieses absolut vorhandenen Babys im Ultraschall gesehen und gehört habe.

„Das war doch noch kein Baby.“ Zack. Nochmal, diesmal etwas tiefer. Hat was von einer scharfen Klinge.

Atmen. Weiteratmen. Nicht heulen, nicht schreien, atmen. Nochmal erkläre ich, dass ich besagtes Baby sowohl gesehen, als auch gehört habe. Dass mir durchaus bewusst ist, dass es in der Realität vielleicht sehr klein sein mag, aber dass es da war. Dass meine beiden, im Hintergrund nicht zu überhörenden Kinder, zu eben dieser Zeit ganz genauso, und zwar exakt genau SO, ausgesehen haben. Und die laufen hier rum und sind eindeutig da.

Die Dame ist nicht unfreundlich, sie versucht es mit Erklärungen, sagt, sie habe nur Plazentagewebe gefunden, nichts Kindliches. Ich will das nicht hören, es macht alles nur noch schlimmer. Ich frage sie, ob sie etwas gefunden hat, das sie in den Sternengarten geben würde. Sie bejaht. Mehr will ich doch gar nicht. Wieso muss ich mir das anhören? Wieso muss sie mir all das erklären? Wenn sie etwas hat, das gut genug ist, um in den Sternengarten zu gehen, dann kann sie mir das doch auch geben.

„Was haben Sie denn mit dem Material vor?“

Das Messer dreht sich ein Stück. Nochmal atme ich tief durch, zwinge mich, nicht zu heulen. Sage ihr, dass es für uns unser Kind ist und kein Material. Und dass wir es bei uns im Garten beisetzen möchten.

Das sei kein Problem, nächste Woche können wir es abholen. Und sie wolle auch extra nochmal suchen, ob sie unser Baby nicht doch noch finden könne. Es sei eine Ausnahme, die da gemacht wird. Aber für sie sei der Mensch wichtig und wenn es für uns wichtig ist, können wir unser Material natürlich abholen.

So ein netter Mensch, der sich so viel Mühe gibt und eigentlich entgegenkommen will. Und doch hat sie mein Herz in den vergangenen 15 Minuten durch den Fleischwolf gedreht. Jetzt heule ich. Nicht vor Erleichterung. Über den Erfolg, dass wir unseren kleinen Schatz nach Hause holen können, kann ich mich gerade noch nicht freuen. Aber ich versuche, mich darauf zu konzentrieren.

Ich habe heute riesige Sehnsucht nach dem Meer. Mit meinen Eltern war ich schon oft in Dänemark, als Teenie fand ich es schrecklich und wäre gerne auch mal woanders hingefahren. Und gerade wünsche ich mir nichts sehnlicher, als in den Dünen zu sitzen und aufs Meer zu schauen. Gerne bei Sturm und Regen, das wäre jetzt genau das Richtige. Vielleicht könnte ich dann auch Gott endlich mal die Meinung sagen. Ich bin so wütend auf ihn.

Aus einer Laune heraus schaue ich, ob es bei „unserer“ Ferienhausvermietung während unseres Urlaubes noch Häuser gibt. Gibt es. Erstaunlich günstig. Ich erzähle es meinem Mann. Können wir uns eigentlich nicht leisten, aber ich glaube, es täte uns allen gut. Vielleicht kommen seine Eltern ja mit. Das wäre ein Traum. Ich klammere mich daran, was viel einfacher ist, als all meine anderen Gedanken auszuhalten.

Im Forum lese ich von einer Kinderwunschfrau, dass bei ihr die Eileiterduchlässigkeit mit einer ganz einfachen Methode mittels Gel und Ultraschall überprüft wurde. Ich erzähle meinem Mann davon und sage, dass ich auf jeden Fall möchte, dass das gemacht wird. Vielleicht gibt es für uns ja noch mehr Hoffnung, als wir denken. Über diese neue Information, das Wissen, dass es diese Möglichkeit gibt, kann ich mich wirklich freuen.

Der Abend endet vor dem Fernseher und als der Mentalist seine Agentin endlich heiratet und sie ihm auch noch steckt, dass sie schwanger ist, könnte ich kotzen. Man kann‘s auch übertreiben mit Kitsch-Romantik. Früher war ich nicht so.

Endlich hat auch dieser Tag ein Ende.

Tag 6

Eigentlich ist heute schon Tag 7… eine Woche ist es nun her und ich müsste eigentlich Einkaufen gehen. Ich sollte also einen Einkaufszettel schreiben, mich langsam mal anziehen und losfahren. Ich müsste eine kleine Schachtel besorgen, in der wir unser Baby beerdigen können… ich müsste… Stattdessen verstecke ich mich lieber wieder am PC und schreibe mein Tagebuch zu Tag 6

Es ist wieder dasselbe: am Morgen hängen dicke Regenwolken über meinem Herzen und ich fühle mich wieder unendlich tief in das dunkle Loch zurückgeworfen. Jeder Millimeter, den ich mir gestern erarbeitet habe, scheint um das Doppelte verloren.

Während meine Schwiegermama die Kinder in den Kindergarten bringt, gehe ich duschen. Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte meinen nun ziemlich durchlöcherten Bauch: Blinddarmnarbe mitten drauf, 30 cm Narbe von einer Hüftoperation und nun drei weitere Schnitte. Warum nur ist dieser Bauch plötzlich so ein Versager? Er war so wunderschön, kugelrund und sichere Wohnung meiner beiden Lieblinge. Hat beide sicher, schnell und fast schon unproblematisch zur Welt gebracht. War danach im Handumdrehen wieder flach und bis auf die OP Narben gut in Schuss. Und jetzt funktioniert er plötzlich nicht mehr. Ist keine sicherere Wohnung mehr, konnte unser Baby nicht beschützen. Er tut einfach nicht mehr was er soll. Und nun ist er nicht mal mehr vollständig.

Später sitze ich mit meiner Schwiegermama beim Frühstück. Wieder laufen dicke Tränen und ich erzähle ihr, dass ich am liebsten einfach den ganzen Tag im Bett bleiben würde. Decke über den Kopf, nichts hören, nichts sehen und am besten auch nichts fühlen.

Ich MUSS heute Einiges erledigen, deshalb hilft alles nichts, irgendwann muss ich mich aufraffen und anziehen. Ob ich will oder nicht.

Auf dem Rückweg sage ich meinem Mann – ziemlich unüberlegt -, dass ich die Kinder aus dem Kindergarten abhole. Dumme Idee.

Meine Lieblingserzieherin aus der Gruppe meiner Tochter sieht mich reinkommen. Eigentlich ist sie schon im Begriff zu gehen, doch sie kommt mir hinterher und spricht mich an. Klar, wir kennen uns und mögen uns, ihre Tochter ist unsere Babysitterin. Sie spricht mir ihr Mitgefühl aus, möchte so gerne etwas trösten. Ich will nur weg aus diesem Kindergartenflur, der so gar nicht für dieses Gespräch geeignet ist. Und ich will dieses Gespräch auch gar nicht führen. Vor allem will ich es nicht führen müssen, wäre einfach lieber immer noch schwanger.

Eine zweite Erzieherin aus der Gruppe sieht mich und kommt dazu. Mit roten Augen sagt auch sie mir, wie leid es ihr tut und wie schrecklich das alles ist. Sie erzählt mir, dass sie eine Mutter in derselben Situation hat und dass sie gerne den Kontakt herstellt, falls es gewünscht ist. Ich will das nicht. Kämpfe mit den Tränen, will jetzt nicht hier im Kindergartenflur vor den Toiletten anfangen zu weinen. Atme tief durch. Will einfach nicht die sein, mit der man solche Gespräche führt. Lieber wäre ich wieder die, die hilflos versucht zu trösten und froh ist, dass sie selbst nicht betroffen ist. Dummerweise hat mich da keiner gefragt.

Nach dem Mittagessen ruft mich meine Hebamme an. Ich bin froh, dass sie das tut. Ich weiß, dass ich Anspruch auf Hebammenbegleitung habe, wäre aber wohl selbst noch nicht in der Lage gewesen, sie darum zu bitten. Wir hatten vergangene Woche telefoniert, als es noch unklar war und ich hatte nach der OP kurz auf den AB gesprochen, daher ist sie informiert. Das Gespräch ist hochemotional, sie spricht mit mir über alle Punkte, die besonders tief sitzen: das lebende Baby auf dem Ultraschall, die nicht vorhandene Möglichkeit eines natürlichen Abgangs, der Verlust des Vertrauens in meinen Körper. Die Frage, ob wir überhaupt noch ein Kind bekommen können. Es ist schmerzlich und viele Tränen laufen. Dennoch tut es gut, diese Dinge verstanden zu wissen und irgendwo lassen zu können.

Kurz darauf fragt die Mutter einer Kindergartenfreundin meiner Tochter, ob wir heute zum Spielen kommen wollen. Sie wusste, dass ich schwanger war, aber noch nicht, was passiert ist. Wir mögen uns und sie hat mir nach unserem zweiten Sternchen sehr viel Mut gegeben. Ich rufe sie an, weil ich nicht einfach absagen will. Sie wusste, dass etwas passiert ist, aber nicht was und ist ebenfalls sehr betroffen. Sie findet die richtigen Worte, weiß selbst, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren. Obwohl sie so lieb reagiert, ist dieses Gespräch unsagbar schwer für mich. Danach bin ich völlig fertig und tue das, wonach mir am meisten ist: Schlafen. Nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen. Gott segne meine Schwiegermutter!

Später am Tag sprechen wir weiter über den potentiellen Urlaub, schauen die wenigen verfügbaren Häuser genauer an und machen uns Gedanken, ob es wirklich möglich ist. Meine Eltern unterstützen uns und auch meine Schwiegereltern ziehen in Erwägung, mit uns zu fahren. Allein können wir es uns wirklich nicht leisten. Damit kann ich mich gut beschäftigen, da kommen sogar Energie und fast schon ein wenig Vorfreude auf. Scheint ein guter Plan zu sein, ich hoffe, er klappt.

Am Abend sprechen mein Mann und ich nochmal über den Eileiterdurchlässigkeitstest. Wir sind uns einig, dass er gemacht werden soll und fragen uns, wann ein guter Zeitpunkt wäre. Was ist, wenn das Ergebnis schlecht ausfällt? Verkraften wir das in der näheren Zukunft auch noch? Aber wäre es wirklich besser, sich erst zu berappeln, wieder halbwegs auf die Beine zu kommen und dann erneut mit einem Schlag leben zu müssen? Wir einigen uns auf lieber bald, vielleicht so in vier Wochen. Ich werde meine Ärztin Ende der Woche darauf ansprechen.

Heute merkt man meinem Mann sehr an, dass es auch für ihn eine schmerzliche und schwere Zeit ist. Es tut weh ihn so zu sehen, ich wünschte, ich könnte etwas für ihn tun. Ich wollte noch ein Kind, er wäre mit unseren beiden vollkommen glücklich gewesen. Und nun hängt es an mir, dass wir all diesen Schmerz aushalten müssen. Es ist mein Körper der einfach nicht funktioniert. Und dank mir, ist die Sehnsucht nach einem weiteren Kind auch bei ihm mittlerweile riesig, der Wunsch tief verankert. Es gibt kein Zurück zu dem Punkt, an dem er mit den beiden vollkommen gewesen wäre. All das nur wegen mir.

Zeit, dass auch dieser Tag ein Ende nimmt…

Tag 7

So still, dass jeder von uns wusste, das hier ist
für immer, für immer und ein Leben und es war
so still, dass jeder von uns ahnte, hierfür gibts kein Wort,
das jemals das Gefühl beschreiben kann.

So still, dass alle Uhren schwiegen,
ja, die Zeit kam zum Erliegen
so still und so verloren gingst du fort,
so still und so verloren gingst du fort.

Ich hab so viel gehört und doch kommt‘s niemals bei mir an
das ist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann,
wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen schreib,
heißt das noch nicht, dass ich versteh,
warum dieses Gefühl für immer bleibt.

So laut, die Stunden nach dem Ausschlag als es galt,
das alles zu erfassen und verstehen und es war
so laut, dass alles, was wir dachten, nichts als Leere zu uns brachte
so laut und so verloren war es hier,
als Stille bei uns wohnte anstatt Dir.

Ich hab so viel gehört und doch kommt‘s niemals bei mir an,
das ist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann,
wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen schreib,
heißt das noch nicht, dass ich versteh,
warum dieses Gefühl für immer bleibt.
So still, obwohl ich dich mit jedem Tag vermiss
und, wo immer du auch gerade bist,
du zeigst mir, dass Stille jetzt dein Freund geworden ist

Ich hab so viel gehört und doch kommt‘s niemals bei mir an
das ist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann,
wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen schreib,
heißt das noch nicht, dass ich versteh,
heißt das noch nicht, dass ist versteh.

Ich hab so viel gehört und doch kommt‘s niemals bei mir an,
das ist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann,
wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen schreib,
heißt das noch nicht, dass ich versteh,
warum dieses Gefühl für immer bleibt

Für mich war dieses Lied immer schon das Sinnbild des Verlustes eines Kindes. Immer wenn ich es im Radio hörte, ging es mir ganz tief ins Herz: „als Stille bei uns wohnte anstatt dir“. Wie bezeichnend, sollte doch ein Baby da sein, das weint und schreit und den ganzen Haushalt auf den Kopf stellt. Sollte aus diesem Baby doch ein Kleinkind werden, das spielt und tobt und lacht und weint und unbändige Freude und Energie mit sich bringt. Sollte doch aus diesem Kleinkind ein Schulkind werden, das ohne Punkt und Komma redet, das Freunde mitbringt und sein Leben immer mehr für sich beansprucht. Sollte doch aus diesem Schulkind ein Teenager werden, der schreit und brüllt, lacht und weint, liebt und enttäuscht ist. Dieses Haus sollte voller Leben sein, viel zu laut und das für die nächsten 20 Jahre. Und alles was von diesem Kind bleibt, ist Stille. Es wird all das nicht tun, sondern es ist für immer still. Und diese Stille ist manchmal so ohrenbetäubend laut, dass es nicht auszuhalten ist.

Heute ist es eine Woche her.

Der Schock über das Ganze sitzt noch immer genauso tief, ich kann nicht sagen, dass sich irgendwas besser anfühlt. Es ist beschissen. Mehr nicht.

Es klingelt und unser Briefträger steht mit einem Päckchen vor der Tür. Ich bin etwas überrascht, aber als ich den Absender sehe, weiß ich, dass es etwas Schönes sein wird. Ich mache es auf und finde eine wunderschöne, selbst gestaltete Kerze, ein schönes Büchlein um Gedanken aufzuschreiben und ein kleines Säckchen mit Steinen. Jeder Stein trägt ein Wort, z.B. Liebe, Vertrauen, Mut etc. Dabei noch ein kleiner Brief von einer lieben Freundin, die so an mich denkt. Sie fände, dass unser Baby eine Kerze braucht, schreibt sie. Diese Geste berührt uns zutiefst, mein Mann, meine Schwiegermama und ich sitzen alle drei mit feuchten Augen am Tisch und betrachten dieses wundervolle Geschenk.

Eigentlich muss ich Einkaufen fahren, doch nun brauche ich erst ein wenig Zeit für mich. Mal wieder flüchte ich mich an den Computer.

Es kostet mich wahnsinnig viel Überwindung, mich anzuziehen und das Haus zu verlassen. Immer wieder fällt mir etwas wahnsinnig Wichtiges ein, was ich vorher noch erledigen muss. Doch am Ende ist es so weit und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. Irgendwas müssen wir ja essen. Oder halt auch nicht, denn mein Hunger ist mittlerweile auf unbestimmte Zeit verreist.

Im Laden gehe ich im Eiltempo meine Liste durch, alles was ich will, ist so schnell wie möglich wieder nach Hause. So kenne ich mich gar nicht, eigentlich bin ich immer unterwegs. Und nun stören mich die Menschen um mich herum, überhaupt, die bloße Tatsache, dass ich hier sein muss. Wieder daheim angekommen, (vermutlich nicht mal ganz eine Stunde später…) macht sich innerlich Erleichterung breit.

An diesem Abend telefoniere ich mit meinem Schwiegerpapa, da die Tendenz im Moment in Richtung Urlaub geht, möchte ich eines der Häuser gerne reservieren lassen, bis wir endgültig entschieden haben. Er überrascht mich, indem er mir sagt, ich könne auch gleich buchen. Da steh ich nun im Garten und habe einen dicken, fetten Kloß im Hals. Er macht mir damit eine riesige Freude, ich kann gar nichts sagen und kämpfe mal wieder mit den Tränen. Als er fragt, ob ich noch dran bin, sage ich ihm, was das gerade bei mir auslöst. Er klingt ebenfalls ganz gerührt.

Auch mein Mann freut sich sehr, als er von der Arbeit kommt. Dieser Tag endet sehr viel ruhiger und vor allem abgelenkter, als die letzten. Und auch er hat ein Ende.

Tag 8

Es ist das Übliche, der Morgen startet mit emotionalen Regenwolken. Von der gestrigen Vorfreude auf den Urlaub ist auch nach kurzem Suchen nichts zu sehen. Ich helfe meiner Schwiegermama, die Kinder für den Kindergarten fertig zu machen, verabschiede sie, dann setze ich mich an den Tisch. Als ich sie über eine halbe Stunde später zurückkommen höre, sitze ich noch immer da. Vage frage ich mich, was ich die ganze Zeit über hier gemacht habe. Sie frühstückt lieber in Ruhe, nachdem sie die Mäuse weggebracht hat und mir kam nicht der kleinste Gedanke daran, das Frühstück vorzubereiten, oder zumindest Kaffee zu kochen. Mit schlechtem Gewissen stehe ich auf und beginne wenigstens jetzt damit.

Ich habe später am Vormittag einen Termin bei meiner Hebamme. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich mich anziehen muss. Fünfzehn Minuten später sitze ich noch immer am Tisch. Weitere zehn Minuten später weißt mein Mann mich darauf hin, dass ich mich jetzt wirklich aufraffen muss. Ich könnte heulen: obwohl ich weiß, dass mir dieser Termin gut tun wird, brauche ich fast eine halbe Stunde, um vom Tisch aufzustehen und mich anzuziehen. Alles in mir sträubt sich dagegen, das Haus zu verlassen. Ich finde das fast schon gruselig, jedenfalls nicht normal.

Meine Hebamme nimmt sich Zeit für ein Gespräch und bietet mir auch Cranio-Sakral-Therapie an. Mir ist das zwar ein Begriff, aber ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Als sie davon spricht, dass es sein kann, dass man in Form von Farben oder Bildern Rückmeldung vom Körper bekommt, bin ich überzeugt, dass ich dafür ungeeignet bin.

Was soll ich sagen, da habe ich mich geirrt. Ich reagiere ganz eindeutig auf die Berührungen. Ob der Kopf nun daran beteiligt ist oder nicht, als sie die Hand auf meine rechte Leiste legt und mich fragt, welches Gefühl ich dazu habe, sehe ich vor meinem inneren Auge einen fetten schwarzen Balken auf rotem Grund. Da ist ein Loch, ein richtiger Graben. Auf weitere Nachfragen laufen wieder dicke Tränen und ich spüre eine tiefe Wut. Ich bin wütend auf meinen Körper, auf den ich mich nicht mehr verlassen kann. Der es irgendwie verlernt hat, Kinder zu bekommen. Der nun nicht mehr vollständig ist und der die Schuld daran trägt, dass dieses Baby sterben musste. Wie soll ich jemals wieder in die Fähigkeiten dieses Körpers vertrauen?

Meine Hebamme arbeitet noch weiter mit mir, konzentriert sich auf weniger geladene Stellen. Am Ende fühle ich mich entspannt und auch ein kleines Bisschen friedlicher. Nach der Behandlung sagt sie mir, dass sie den Eindruck hat, mit dem linken Eileiter sei alles in Ordnung. Das macht mir für einen kurzen Moment Mut, doch dann kommt ein altbekannter Gedanke in meinen Kopf: die Tatsache, dass ich mich selbst nicht mehr mit dickem Bauch sehe. Wenn ich tief in mich hinein höre, dann habe ich das Gefühl, dass ich kein Kind mehr zur Welt bringen werde. Ich vertraue ihr diesen Gedanken an. Sie schaut mir offen ins Gesicht und sagt mir, dass ich dann eben lernen müsse, das anzunehmen. Kein Zweifel, kein „warte doch erstmal ab“, kein „das Gefühl ist in deiner Lage normal“. Es fühlt sich an, als wäre dieses Gefühl für sie sicherer als jede Diagnose.

Bedrückt verabschiede ich mich und fahre nach Hause. Ich bin ziemlich kaputt von den vielen Eindrücken und möchte einfach nur schlafen. Es ist auch schon so spät, dass ich meinen Mann wohl nicht mehr sehen werde, ehe er zur Arbeit muss. Ein Umstand, der mir erneut die Tränen in die Augen treibt. Ich rufe ihn an, um wenigstens noch kurz mit ihm zu sprechen. Er meint, dass er wohl noch auf mich warten kann, so dass zumindest noch eine Umarmung drin ist. Es ist kaum zu glauben, aber es ist total wichtig für mich, ihn wenigstens noch kurz zu sehen. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so sehr an meiner Seite gebraucht, wie jetzt. Als er weg ist, falle ich einfach nur auf die Couch und schlafe quasi augenblicklich ein.

Ich habe meiner Schwiegermama versprochen, heute Nachmittag aktiv Zeit mit ihr und den Kindern zu verbringen. Als ich wach werde, hätte ich das am liebsten gleich wieder revidiert. Doch sie verpasst mir einen liebevollen Tritt in den Hintern und so raffe ich mich auf. Als wir am frühen Abend wieder daheim ankommen, steht das Auto meines Mannes in der Einfahrt. Doch die Freude über seinen spontan freien Abend währt nur kurz, denn unser Sohn kann nicht einschlafen. Nach einer guten Stunde übernehme ich und als er es endlich geschafft hat, ist es fast halb zehn. Von einem gemeinsamen Abend kann also nicht die Rede sein.

Ich selbst fühle mich mal wieder völlig gerädert, als hätte ich den ganzen Tag körperliche Höchstleistungen vollbracht. Hinzu kommt, dass heute der letzte Abend meiner Schwiegermutter bei uns ist. Ab morgen muss ich wieder selbst klar kommen, MUSS für meine Kinder da und nicht nur anwesend sein. Mir graut vor dem Ende des heutigen Tages, denn ich fühle mich absolut noch nicht bereit für das, was ab morgen kommt: mein Leben wieder aufzunehmen.

Doch es hilft alles nichts, auch dieser Tag ist am Ende um.

Tag 9

Schon beim Aufstehen fühle ich mich noch schlechter, als die letzten Tage. Ich könnte heulen, bringe kaum die Energie auf, nach oben zu gehen. Ich bin richtig unglücklich. Meine Schwiegermama hat schon fast alles vorbereitet, gemeinsam ziehen wir die Kinder an und machen sie fertig. Heute bringt Oma sie zum letzten Mal in den Kindergarten. Als sie wiederkommt, bleibt nicht mehr viel Zeit, ehe mein Mann sie zum Bus bringen muss. Der Abschied fällt uns allen schwer, ich kämpfe gewaltig mit den Tränen. Ich selbst muss gleich zu meiner Ärztin, deshalb beschließe ich, erst mal unter die Dusche zu gehen. Wie so oft, habe ich dort wieder einen ganz schwachen Moment. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber das war in den schwierigen Zeiten meines Lebens schon oft der Fall. Ich lasse es einfach raus, heute habe ich das ganze Haus für mich allein. Es ist das erste Mal, dass ich völlig ungehemmt und ohne den Versuch, leise zu sein, um unser Kind weine. Es tut irgendwie gut.

Schon auf dem Weg zur Praxis meiner Frauenärztin begegnen mir drei kugelrunde Babybäuche. Blöder Sommer, wenn es so warm ist und die Klamotten weniger werden, gibt es kaum eine Chance,  was zu übersehen. Hättest du nicht im Winter kommen und gehen können, kleiner Schatz? Oder noch besser, hättest du nicht einfach den richtigen Weg gehen und bleiben können? Hättest du nicht einfach als etwas ganz Besonderes am 29. Februar 2016 in unserem Haus friedlich und in aller Ruhe geboren werden können? Warum nur war das einfach nicht möglich?

Zitternd sitze ich bei meiner Ärztin im Sprechzimmer. Ich schildere ihr, wie ich mich fühle und wie ich so zurechtkomme – beziehungsweise nicht zurechtkomme. Wieder nimmt sie sich viel Zeit für mich und hört mir verständnisvoll zu. Als ich ihr sage, dass ich mich so nicht kenne, tröstet sie mich und sagt mir, es sei einfach insgesamt eine ganz tragische Geschichte und überhaupt kein Wunder, dass die Summe der Ereignisse mich nun umhaut. Das zu verarbeiten bräuchte Zeit und die soll ich mir nehmen. Beim  Ultraschall stellt sie fest, dass die Gebärmutter noch immer vergrößert und die Schleimhaut nach wie vor aufgebaut ist. Ich habe es mir gedacht, die Blutung ist mal stärker, mal schwächer, aber lange nicht genug, um alles wieder in seinen Ursprung zurück zu bringen. Heute scheint sie sogar ganz aufgehört zu haben. Meine Ärztin sieht das entspannt, sagt mir, dass wir locker einen Zyklus abwarten können, dass es sein kann, dass erst dann wieder alles ist, wie es sein soll. Für mich passt das dazu, dass ich nicht loslassen kann, dass ich die Situation, wie sie ist, nicht akzeptieren will. Hoffentlich gelingt mir das, ich bin nicht scharf darauf, auch noch eine Ausschabung über mich ergehen lassen zu müssen.

Tja lieber Körper, da wären wir wieder an dem Punkt: was kriegst du eigentlich noch richtig hin?

Auf meine Bitte hin, hat meine Ärztin mir einen Mutterpass für unser Baby ausgestellt. Sie gibt ihn mir und ich packe ihn ein, ohne einen Blick hinein zu werfen. Das tue ich später in Ruhe zu Hause.

Daheim wartet ein Päckchen auf mich, es sind die Sachen für das Grab. Wir haben ein kleines Buch aus Stein mit einem Engel darauf, in dem die Daten unserer Sterne notiert sind und eine kleine Laterne. Ich stelle die Kerze dazu, suche das Ultraschallbild heraus und lege es mit dem Mutterpass dazu. Lange sitze ich da und schaue mir die Sachen an. Ich kann nicht glauben, dass es bei alledem um mich geht, dass das Teil unseres Lebens ist. Drei Daten stehen in dem Buch. Drei Kinder haben wir gehen lassen müssen. Im Mutterpass steht, dass es meine fünfte Schwangerschaft ist. Eine Zahl, die mir geradezu absurd vorkommt.

Heute Nachmittag bin ich mit einer Freundin verabredet, damit ich den ersten Tag allein eben nicht allein bewältigen muss. Es fällt mir schwer, mich aufzuraffen und der Verabredung tatsächlich nachzukommen. Wir kommen nicht viel zum reden, vier Kinder zwischen vier und zwei Jahren haben ihre Strategien, um das zu verhindern. Trotzdem tut es gut, nicht allein mit meinen Gedanken zu sein. Als wir nach Hause kommen, läuft das Abendritual schon wieder ganz selbstverständlich ab. Auch dass mein Kleiner wieder lange zum Einschlafen braucht, macht mir wenig aus.

Als mein Mann heim kommt, sitzen wir noch eine ganze Weile zusammen und machen uns Gedanken darüber, wie wir unser Baby beisetzen wollen. Der Gedanke daran ist seltsam, wir möchten es natürlich nicht einfach nur verbuddeln, aber im Garten zu stehen und ein Lied zu hören oder singen, kommt uns auch komisch vor. Wir werden es wohl einfach sehen, wenn es so weit ist. Heute Abend sprechen wir richtig lange darüber, nicht nur über die „Beerdigung“ sondern ganz allgemein. Ja, wir stehen das zusammen durch, keiner von uns ist allein damit. Wie gut, dass wir uns haben.

Ich kuschle mich neben ihn und so geht dieser Tag zwar traurig, aber friedlich zu ende.

Tag 10

Unfassbar, dass schon zehn Tage vergangen sind… fühle ich mich besser? Ich weine nicht mehr so oft, aber man kann ja nicht zehn Tage am Stück nur heulen. Ich bin noch genauso traurig, wie am Tag der Diagnose. Ich bin noch genauso geschockt und genauso unwillig, dieses Schicksal als das Meine anzunehmen. Aber ich weine weniger.

Normalität nimmt wieder einen größeren Raum in meinem Leben ein, Automatismen funktionieren langsam wieder, nicht alle, aber manche. Ich sehe meine Kinder an und kann mich über sie freuen. Was für ein unglaubliches Wunder, nein zwei unglaubliche Wunder, dass sie hier sind. So fröhlich, munter und gesund. Einfach so in unser Leben gekommen sind, unerwartet und trotzdem von ganzem Herzen gewollt. Ich kann wieder mit ihnen lachen, aber nie so ganz. Ein Teil von mir lacht nicht mit, bleibt still. Das beschreibt vielleicht auch am besten, wie ich mich inzwischen fühle: still. Vielleicht ein bisschen, wie nach einem Aufprall auf den Rücken. Zunächst fällt man und man weiß, dass man fällt. Das Wissen, dass man aufprallen wird ist glasklar im Kopf, man will nicht, dass es passiert und weiß dennoch, dass es unvermeidlich ist. Dann kommt der Moment, man fühlt den Aufprall und den Schmerz. Und dann bleibt einem die Luft weg. Man kann nicht atmen, reißt die Augen auf und eine Sekunde fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich glaube, an diesem Punkt bin ich gerade.

Auf dem Tisch stehen die Sachen für das Grab unseres Babys. Meine Tochter fragt mich immer wieder, wie das läuft mit einem Grab und bittet mich, die kleine Laterne nicht auf das Grab, sondern IN das Grab zu stellen. Damit das Baby was sieht und keine Angst haben muss im Dunkeln. Ich finde das faszinierend, denn wir haben nie gesagt, dass das Baby in das Grab kommt. Wir haben ihr immer erklärt, dass das Baby im Himmel ist und das Grab ein Ort ist, an dem man sich an es erinnert. Und dass alle Menschen, die gestorben sind, ein Grab bekommen. Offenbar macht ihr die Sache Angst, sie kann es nicht richtig zuordnen. Also beschließe ich, dass wir mit den beiden auf den Friedhof gehen. Seit unsere Tochter geboren ist, hatten wir keine Todesfälle in der Familie und unsere verstorbenen Angehörigen liegen hunderte Kilometer entfernt in unserer jeweiligen Heimat. Unsere Kinder kennen den Tod und was damit einher geht schlicht und ergreifend nicht. Mein Mann findet die Idee gut und so machen wir uns auf den Weg. Vor der Tür treffen wir unsere Nachbarn und unsere Tochter verkündet fröhlich „Wir gehen zum Friedhof!“. Der Tonlage nach zu urteilen hätte es lauten müssen „wir gehen in den Zirkus“, weiß Gott, was die Nachbarn sich gedacht haben…

Dort angekommen, müssen wir den beiden zunächst erklären, dass man hier ruhig ist, dass man nicht rennt und auch keine Kieselsteine vom Weg oder von Gräbern klaut. Ich glaube wir sind beide gleichermaßen dankbar, dass wenig los ist… Wir gehen in aller Ruhe die Wege entlang, betrachten die Gräber und beantworten die Fragen unserer Tochter. Schließlich kommen wir an ein Familiengrab, in dem auch ein Baby beerdigt wurde. Es ist auf den ersten Blick zu sehen, dass hier auch ein Kind liegt. Ein kleiner Stern, ein Stein mit dem Namen und dem Tag, an dem dieses Kind viel zu früh vom Bauch in den Himmel ging und eine kleine Kette schmücken das Grab. Neugierig fragt unsere Tochter, warum da eine Kette liegt und ob sie unserem Baby auch etwas mitgeben, etwas schenken darf. Mich rührt der Anblick des Grabes zutiefst und ich kann die Tränen nicht zurückhalten. Ich weine um mein Baby und um dieses Baby. Um die Eltern, deren Herz wahrscheinlich noch viel schwerer war, als meines heute. Die ihrem Kind einen Namen geben durften und es dennoch gehen lassen mussten. Es ist einfach nur zum heulen. Warum passiert das überhaupt? Und warum musste es uns passieren? Dreimal…?

Nach dem Besuch auf dem Friedhof habe ich das Gefühl, dass meine Tochter das ganze viel gelassener sieht. Sie hat nun keine Angst mehr und scheint ein Grab auch eher als etwas Interessantes zu sehen. Wir wissen allerdings noch nicht, ob wir sie dabei sein lassen, wenn wir unseren kleinen Schatz beerdigen. An diesem Punkt sind wir beide sehr unsicher und hoffen, dass wir eine gute Entscheidung treffen, wenn es soweit ist.

Für heute Nachmittag habe ich mich mit einer guten Freundin verabredet. Da wir keine Zeit ausgemacht haben und sie sich nicht meldet, vermute ich, dass sie es vergessen hat. Nach Stunden überwinde ich mich und schreibe ihr. Es stellt sich heraus, dass nur ich von der Verabredung weiß, scheinbar haben wir da aneinander vorbeigeredet. Eigentlich keine große Sache, doch ich habe ganz schön daran zu knabbern. Plötzlich fällt mir wieder alles richtig schwer, ich kann mich zu nichts motivieren. Eine andere Freundin lädt mich und die Kinder spontan zu sich ein, doch auch das ist mir zu viel. Es ist, als habe mich dieser Vorfall mal eben fünf Tage zurück geworfen. Die Kinder machen auf dem Balkon Seifenblasen und so sitze ich eine ganze Weile einfach nur still am Tisch. Nach über eineinhalb Stunden kann ich es selbst nicht mehr mit ansehen und ich gehe mit ihnen nach draußen. Obwohl es ziemlich heiß ist, rücke ich dem Unkraut zuleibe, was einen doppelt positiven Effekt hat: ein – zugegeben kleiner – Teil des Grundstücks ist wieder weitaus ansehnlicher und ich fühle mich tatsächlich besser. Meine Tochter beschließt, dass ich unbedingt ein Eis brauche und bringt sich selbst und ihrem Bruder auch gleich eines mit. Später bade ich die Kinder, mache Abendessen, lese eine Geschichte vor und bringe sie ins Bett. Weil es in ihrem Zimmer so heiß ist, dürfen sie in unserem Bett schlafen. Ich sitze zwischen ihnen, auf jedem Bein eine kleine, vertrauensvolle Hand. Als sie eingeschlafen sind, bleibe ich noch eine ganze Weile sitzen und höre ihnen beim Atmen zu. Meine beiden Wunder, die es tatsächlich geschafft haben, dass dieses schwarze Loch und die dicken Wolken für ein paar Stunden unsichtbar waren.

Später zünde ich die Kerze für unser Baby an und sitze eine kleine Weile einfach still davor, die Hand auf meinem leeren Bauch. Ich bin noch immer unsagbar traurig darüber, dass es nicht mehr da ist, darüber dass es nicht weiter leben durfte. Ich habe dieses Kind so sehr gewollt. An all diesen Gefühlen hat sich nichts verändert. Aber heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich einen Schritt vorwärts gemacht habe.

Es ist vielleicht keine Meisterleistung, doch ich habe diesen Tag alleine geschafft. Meine beiden Mäuse sind satt, sauber, zufrieden und in Ruhe eingeschlafen. Ich glaube, sie hatten heute einen schönen Tag. Ich bin wirklich froh, dass ich ihn hinter mir habe. Und ein kleines bisschen stolz, dass ich das fast so wie immer hinbekommen habe.

Tag 11

Müsste es mir nicht langsam besser gehen? Wäre es nicht an der Zeit, dass das Leben normal weiter geht? An vielen Stellen tut es das, gerade wenn die Kinder dabei sind, bleibt ja nichts anderes. Aber es fällt mir noch immer schwer. Es fällt mir schwer, das Haus zu verlassen, anderen Menschen zu begegnen. Es fällt mir schwer, Gespräche zu führen. Es fällt mir schwer, Kontakte zu pflegen, auf Nachrichten zu antworten. Oft tue ich es nicht, weil ich mich einfach nicht überwinden kann. Weil ich langsam auch mehr und mehr das Gefühl bekomme, dass es mir ja endlich besser gehen MUSS. Ab und zu denke ich das auch selbst.

Es gibt immer wieder Situationen, die fühlen sich ganz normal an und diese Momente werden auch mehr. Aber gerade in den Momenten, in denen ich abgelenkt bin, den Kummer vielleicht auch mal gänzlich vergessen habe, packt es mich völlig unerwartet.

Heute habe ich mich mit meinem Bruder über Nummernschilder unterhalten. Er sagte, er wolle vorhandene nicht nochmal verwenden, weil sie mit diesem Auto kein Glück gehabt hätten. In diesem Moment fühlte ich mich ganz normal. Wie ich eben. Ich wollte ihm sagen, dass er die Schilder ruhig nehmen könne, weil man sein Glück eh nicht beeinflussen kann. Ich wollte ihm erzählen, dass ich meinem Mann zu jeder Schwangerschaft ein Paar Babyschuhe geschenkt habe, dieses Mal aber nicht, der Gedanke war ganz bewusst „dieses Mal brauchen wir keine Schuh als Erinnerung“. Ich wusste genau, was ich sagen wollte und ich fühlte mich absolut in der Lage, das in diesem Zusammenhang frei von Emotionen zu tun. Pustekuchen, ich kam nur bis zur Hälfte des zweiten Satzes, an dieser Stelle überkam mich der ganze Schmerz so heftig, wie am ersten Tag. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich mit meinem Bruder noch gar nicht darüber gesprochen habe, vielleicht gerade weil ich mich in diesem Moment so sicher gefühlt habe. Aber es zeigt mir Eines ganz deutlich: ich bin einfach noch nicht so weit.

Ich denke viel über den Punkt „du hattest ja keine Wahl“ nach. Einerseits, weil ich es oft höre oder lese, weil andere mich damit trösten wollen. Andererseits, weil ich selbst es immer wieder zu mir sage. Ich mache mir keine Vorwürfe, aber ich wünsche mir so oft, es wäre anders gewesen. Nur hatte ich keine Wahl. Aber es ist kein Trost, nichts, was es leichter macht. Eigentlich wird es dadurch sogar schlimmer. Denn eine Sache ist und bleibt: ich wollte nicht, dass man mir meinen Bauch aufschneidet und mein Baby herausholt. Wäre ich gefragt worden, ich hätte nein gesagt. Natürlich habe ich es zugelassen, weil ich sonst mein Leben gefährdet hätte. Weil meine beiden  lebenden Kinder ein Recht auf ihre Mama haben.  Aber hätte ich die Wahl gehabt, mein Kind natürlich zur Welt zu bringen, ich hätte es getan. Ich hasse es, dass mein Bauch aufgeschnitten wurde und ein Teil von mir herausgenommen wurde. Ich bin schon zig Mal operiert worden, größere und kleinere Eingriffe und ich hatte nie ein Problem damit. Diesmal schon. Alles in mir hat sich dagegen gewehrt und tut es noch. Es wird wohl noch dauern, bis ich damit meinen Frieden gefunden habe.

Am Abend schreibe ich mit zwei lieben Mädels aus dem Forum. Sie erzählen mir, dass sie hier fleißig mitlesen, immer in der Hoffnung, dass es positive Neuigkeiten gibt. Es tut mir fast ein bisschen leid, dass ich damit noch nicht dienen kann. In diesem Gespräch kommt mir der Gedanke, dass ich die Situation noch immer nicht akzeptiert habe. Ich weiß, dass das HCG noch nicht vollständig abgesunken ist und mein Körper daher auch noch immer denkt, er sei schwanger. und es gibt sie, diese kleinen Momente, in denen ich mir vorstelle, das alles sein gar nicht passiert. In denen ich die Hand auf meinen Bauch lege und einfach verleugne, dass da kein Baby mehr ist. Wann immer es so weit kommt, unterbinde ich den Gedanken sofort. Er macht mir Angst. Sich vor der Realität zu drücken, sich in Schlaf oder Ablenkung zu flüchten, ist okay und sicherlich auch normal. Aber diese Phantasie erscheint mir gefährlich. Ich nehme mir fest vor, ab morgen ganz bewusst und aktiv an diesem Punkt zu arbeiten: Ich akzeptiere, dass ich nicht mehr schwanger bin, dass mein Baby gestorben ist. Ich nehme an, dass das alles nicht auf meine Weise passiert ist und lerne, damit zu leben. Ich glaube, solange ich an diesem Punkt nicht weiterkomme, werde ich an dem Punkt meiner Trauer feststecken, an dem ich gerade bin. Ehrlich gesagt bin ich aber wenig zuversichtlich, dass da schnell was passiert. Denn an einer Tatsache hat sich nichts geändert: ich WILL nicht, dass es ist, wie es ist. Ich will nicht lernen müssen, damit zu leben. Ich will einfach nochmal an diesem verdammten Montagmorgen aufwachen, zum Arzt gehen und nochmal dieses wunderschöne Bild auf dem Ultraschall sehen: die perfekte Fruchthöhle, das kleine Würmchen und das schlagende kleine Herz – in meiner Gebärmutter. Ich will die Praxis verlassen, mit Mutterpass und einem breiten Grinsen im Gesicht. Aber auch hier habe ich keine Wahl. Also werde ich es wohl lernen.

Vor dem Tag heute hatte ich Angst. Es hat sich herausgestellt, dass sie unbegründet war, er war teilweise sogar ganz schön. Aber wie jeden Tag bin ich auch heute einfach froh, dass er um ist…

Tag 12

Ich mag sie nicht, die Tage, an denen ich zum Arzt muss. Diese Arzttermine sind die reinste Tortur für mich. Ich will nicht da sitzen und Blut abgenommen bekommen, damit man prüfen kann, ob das HCG absinkt. Ich will in vier Wochen wiederkommen und hören, dass alles in Ordnung ist. Vermutlich werde ich das sogar, aber es wird eben nicht in Ordnung sein, selbst wenn die körperliche Heilung dem entspricht, was man sich als Arzt so vorstellt.

Ich hatte mir vorgenommen, ab heute ganz bewusst daran zu arbeiten, die Situation zu akzeptieren. Aber wie soll das gehen? Soll ich mir einfach immer wieder sagen „so ist es und damit lebe ich jetzt“? Vielleicht gar kein schlechter Anfang, vielleicht tun die Worte irgendwann weniger weh, wenn ich sie nur oft genug sage, mir oft genug vor Augen halte.

Mein Baby ist nicht mehr da, es ist gestorben. Die Schwangerschaft musste abgebrochen werden, weil wir sonst vielleicht beide gestorben wären. Das Kind hatte in keinem Fall eine Chance.

Es ist immer noch genauso schlimm. Wenn ich es aufschreibe, sehe ich kaum etwas, weil es einfach nicht ohne Tränen geht.

Im Laufe des Tages habe ich immer wieder versucht, an diese Tatsachen zu denken, doch es war mir fast nicht möglich. Sofort hat meine Kopf auf „Ablenkung“ umgeschaltet und ich habe mich mit etwas anderem befasst. Ich stelle fest, dass es mir trotz der vielen vielen Seiten, die ich nun schon darüber geschrieben habe, schwer fällt, diesen Punkt anzurühren. Es tut so unglaublich weh. Und ich will es einfach nicht wahrhaben. Meine Tochter hat neulich zu mir gesagt „Mama, vielleicht war in deinem Bauch doch kein Baby. Vielleicht hast du nur zu viel gegessen?“ (Trotz der frühen Schwangerschaftswoche war tatsächlich schon eine ziemlich gut sichtbare Wölbung vorhanden, das war bei meinem Sohn auch schon so). Der Ansatz wäre doch auch in Ordnung, einfach weitermachen, als hätte es nur wieder einmal nicht geklappt. Das war zeitweise auch wirklich hart, aber kein Vergleich zu dieser Erfahrung. Aber auch das hilft nichts. Denn ich weiß ja, dass es nicht stimmt.

Mein Mann ruft in der Pathologie an, so wie es mir letzte Woche gesagt worden war. Leider weiß man dort nichts von der Vereinbarung, die ich mit der Dame vergangene Woche getroffen habe. Ein herber Schlag für uns beide, zumal der Mensch am Telefon nicht unbedingt durch Freundlichkeit und Feingefühl glänzt. Ich bin froh, dass mein Mann am Telefon ist, den das Ganze aber auch sichtlich mitnimmt. Den Rest des Vormittags gönnen wir uns, um einfach nichts zu tun. Auch mein Mann äußert das Bedürfnis, für eine kurze Zeit mal nicht funktionieren zu müssen. Das kann ich nur zu gut verstehen. Er fängt so Vieles auf, was ich gerade einfach nicht auf die Reihe kriege. Doch es war auch sein Kind. Auch er war voller Hoffnung und muss nun loslassen. Und mit ansehen, was es mit mir macht. Auch ihn kostet es Kraft und auch er leidet darunter.

Doch er funktioniert, fährt unsere Tochter am Nachmittag zum Sport und nimmt den Kleinen mit, damit ich nochmal ein bisschen Ruhe für mich habe. Ich nutze einen Teil der Zeit, um meinen Gedanken Raum zu geben, fahre dann aber pflichtbewusst zumindest einkaufen. Nicht unbedingt mit großem Erfolg, denn vorher in den Kühlschrank schauen und einen Zettel schreiben hätte schon Sinn gemacht. Das merke ich schon im Laden und wieder wird mir bewusst, dass ich gerade einfach nicht so bin, wie sonst. Ich muss das dringend wieder hinkriegen, so kann es ja nun wirklich nicht bleiben.

Auch Kommunikation im Allgemeinen fällt mir sehr viel schwerer, als sonst. Ab und zu schreibt mir jemand auf dieses Tagebuch hin und das was bei mir ankommt, ist etwas völlig anderes, als das was andere herauslesen. Eine Bekannte schrieb mir, dass meine Seele im Moment wahrscheinlich einfach noch viel zu wund sei. Vermutlich hat sie recht. Ich bin gerade einfach extrem empfindlich, selbst „Streicheleinheiten“ sind schmerzlich. Aber wer lässt schon gerne eine wunde Stelle anfassen…

Ich hoffe, wir können unseren kleinen Stern bald nach Hause holen. Darin sehe ich die große Chance auf eine Veränderung, auf einen Schlussstrich. Ich möchte weiterkommen und wieder mehr ich selbst sein. Ich möchte mich wieder auf mich verlassen können und wenn ich wieder arbeite, möchte ich das in der gewohnten Qualität tun. Ich möchte, dass endlich bei mir ankommt, was passiert ist. Ich möchte Abschied nehmen, verarbeiten und wieder ich selbst sein. Ich hoffe, dass das Begräbnis der Anfang vom Weg dahin sein wird.

Wie sich das Verhältnis zu meinem Körper entwickelt, wird sich zeigen. Ob ich wirklich wieder darauf vertrauen kann, dass er weiß was er tut… schwer zu sagen. In „meine Folgeschwangerschaft“ schreibt die Autorin, dass natürliche Familienplanung ein gutes Hilfsmittel ist, um dem Körper wieder zu vertrauen, um seine Fähigkeiten anzuerkennen. Wir haben das jahrelang angewandt, trotzdem (na klar, die Methode hat ja keinen Einfluss) haben wir nun drei Sternenkinder. Ich weiß nicht, ob es für mich wirklich hilfreich ist. Ich denke, diesen Zyklus kann ich eh vergessen, da das HCG noch immer nachweisbar ist und somit die Hormone noch im Umschwung sind. Aber vielleicht kann ich im nächsten einen Schritt auf meinen Körper zu machen und herausfinden, ob es vertrauensfördernd ist.

Am Abend telefoniere ich lange mit einer Freundin. Sie hat sich spontan an einer Flasche Sekt vergriffen und ich finde die Idee super. Also gieße ich mir ein großes (ja, ein wirklich großes) Glas Baileys ein. Das war die beste Idee seit eineinhalb Wochen. Bei uns wird eher selten Alkohol getrunken und so lässt die Wirkung nicht lange auf sich warten. Ich habe den Eindruck, angenehme 10 cm über meinen Gefühlen zu schweben, von ihnen losgelöst zu sein. Wir sprechen über den Tag meiner Freundin und den Grund für den Sekt und wir sprechen über mich. Wie es mir geht, warum es mir so geht und was mich beschäftigt. Dieses Gespräch ist nicht anstrengend und es vergeht ohne Tränen. Ich kann sagen, wie beschissen die Situation für mich ist, aber der Schmerz ist gerade nicht präsent. Es ist, als sei mein Herz gerade in Watte gepackt. Sehr sehr angenehm. Und damit leider nicht für zu häufige Wiederholungen geeignet…. So vernünftig bin ich dann doch.

Entspannt geht dieser Tag zu Ende.

Tag 13

Grundsätzlich geht es bergauf. Ich habe zwar immer noch Schwierigkeiten, aus dem Bett zu kommen und mich vor dem Mittagessen überhaupt anzuziehen, doch ich fühle mich nicht mehr ganz so bedrückt. Die dicken, morgendlichen Wolken sind eher zu Frühnebel verkommen und insgesamt schaut in meiner Stimmungswelt nun auch ab und zu die Sonne vorbei.

Heute Morgen schreibt mir eine ganz liebe Freundin, ob ich nicht Lust auf Ablenkung hätte und mit ihr ins Einkaufszentrum fahren möchte. Ich finde es total lieb, dass sie an mich denkt, aber zum einen will ich nicht (dafür müsste ich mich ja anziehen) und zum anderen bin ich krankgeschrieben und da bleibt man meiner Meinung nach weitestgehend daheim. Zumindest geht man nicht in Ruhe shoppen. Ich bedanke ich und sage ab. Auf meine Nachricht bekomme ich keine Antwort, dafür klingelt es zehn Minuten später an der Tür. Ich weiß sofort, dass sie das ist. Kurze Bestandsaufnahme: es ist halb zehn, ich sitze hier im Schlafanzug auf der Couch und meine Haare habe heute definitiv noch keine Bürste gesehen. Nicht unbedingt das, was ich unter „salonfähig“ verstehe, aber damit muss sie jetzt klarkommen. Auch wenn ich trotzdem nicht mitkomme, sie ist hergekommen um mich einfach einzupacken und mitzuschleifen. Und das finde ich so unglaublich nett, dass ich heulen könnte. Ich schiebe zwar den Krankenstatus vor, aber letztendlich mag ich tatsächlich auch einfach nicht mit. Ich will hier in meinem Schlafanzug auf der Couch sitzen und bleiben und einfach keinen sehen. Keinem passen müssen, auch nicht mir selbst, Spiegel vermeide ich momentan soweit es geht. Aber trotzdem: es ist so lieb von ihr, dass sie einfach hergekommen ist, ich freue mich richtig darüber! Diese Aktion ist in den letzten zwei Wochen das Tröstlichste überhaupt.

An diesem Nachmittag traue ich mich auch zum ersten Mal wieder mit den Kindern auf einen Spielplatz. Zuhause ist es einfach unheimlich heiß und den Mäusen fällt die Decke auf den Kopf, wenn sie sich nicht ein bisschen austoben dürfen. Für unseren Üblichen bin ich noch nicht bereit, dort würde ich zu viele liebe Menschen treffen, die vermutlich Bescheid wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, es auszuhalten, wenn sie mich darauf ansprechen. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, es auszuhalten, wenn sie nichts sagen. Ich glaube, das wird noch eine ganze Weile dauern…

Also waren wir auf einem anderen Spielplatz und ich kannte keinen. Dennoch war es alles andere als entspannt und schön: von 6 anwesenden Müttern, waren 3 unübersehbar schwanger. Wunderschöne kugelrunde Babybäuche, dank der Hitze in Sommerkleidung traumhaft schön in Szene gesetzt. Das ist richtig scheiße. Egal wohin man schaut, irgendwo ist immer ein Bauch. Wäre ich noch schwanger, hätte man es bei der leichten Kleidung sicherlich auch gesehen. Stattdessen versuche ich, die Frauen nicht neidisch anzustarren und mir nicht anmerken zu lassen, wie bedrückt ich mich plötzlich fühle. Ich will heim.

Ich kann ja nun nicht die nächsten Wochen und Monate auf keinen Spielplatz gehen alle Orte, wo mir ein Bauch begegnen könnte, meiden. Das geht ja auch nicht. Also werde ich mich auch damit abfinden müssen (Bauchneid kenne ich schon seit 2 Jahren, nur ist es jetzt wieder besonders schwer).

Heute Abend ist zwischen meinem Mann und mir zum ersten Mal wieder Raum für körperliche Nähe. Da wir nach unseren beiden Sternchen kein Risiko eingehen wollten, ist es schon einige Wochen her. Die Nähe und die Aufmerksamkeit tun unendlich gut. Doch ich merke schnell, wenn ich die angenehmen Gefühle zulasse, ist auch die Trauer sehr viel intensiver zu spüren. Am Ende liege ich heulend und schluchzend in den Armen meines Mannes und weiß eigentlich selbst nicht so genau, warum das jetzt so ist. Für Männer ist das sicherlich nicht leicht auszuhalten, wer will schon, dass die Frau danach heult? Solange sie nicht zwischen jedem Schluchzer ergriffen „Danke danke“ sagt, ist das bestimmt eine beängstigende Situation. Ich habe aber zufällig beim Durchblättern in meinem Buch ein Kapitel über Sexualität nach dem Verlust eines Kindes gesehen und schaue später nach, was dort steht: genau das. Tränen gehören an dieser Stelle mit dazu. Das beruhigt mich und ihn hoffentlich auch. Und für mich war es trotz allem eine gute Erfahrung: die Zuwendung und Zärtlichkeit sind einfach gut für die Seele und dass die Tränen so stark und ungehindert fließen können, war in letzter Zeit auch nicht mehr möglich. Auch wenn es komisch klingt, ich fühle mich einfach friedlich.

Und so geht auch dieser Tag sehr ruhig und entspannt zu Ende.

Tag 14

Ich kann es kaum glauben: es ist schon zwei Wochen her. Ich habe keinen Bezug zu dieser Zeitspanne, es kommt mir vor, als liege dieser schreckliche Tag mindestens zwei Jahre zurück, so fern fühlt es sich an. Und gleichzeitig ist es, als sei es gestern passiert.

Beim Annehmen der Situation und dem Verstehen, dass das alles tatsächlich passiert ist, hapert es noch immer. Langsam fühlt sich alles ziemlich unwirklich an… bis auf die Momente, in denen es dann plötzlich total präsent ist. Dann haut es mich noch immer fast um.

Heute habe ich wieder einen Termin mit meiner Hebamme. Heute fühle ich mich ganz anders als letzte Woche und auch sie bemerkt das gleich. Sie sagt, heute sei ich da, das letzte Mal sei ich nur anwesend gewesen. Der gesamte Termin verläuft völlig anders, ich kann viel besser formulieren, was in mir vorgeht und worüber ich mir Gedanken mache.

Während der Cranio-Sakral-Therapie schweifen meine Gedanken immer wieder in alle möglichen Richtungen ab. Das letzte Mal war ich sehr verwundert, dass ich mich so gut darauf einlassen konnte und so viel wahrgenommen habe. Ich vermute, dass ich mich tatsächlich sehr “nach innen“ verkrümelt habe und jetzt einfach wieder mehr um mich herum wahrnehme. Deshalb bin ich auch wieder abgelenkter, was ich im normalen Leben eher von mir kenne. Entspannungsübungen lagen mir nie, ich konnte nie den Kopf ausschalten. Aber angenehm ist es trotzdem und ich fühle mich total entspannt und friedlich. Auch meinem Bauch gegenüber.

Später sprechen wir noch darüber, dass ich beim letzten Mal das Gefühl hatte, meine Hebamme habe die Aussage „ich sehe mich nicht mehr mit dickem Bauch“ als zuverlässig

empfunden. Sie entschuldigt sich dafür, was aus meiner Sicht gar nicht nötig gewesen wäre. Aber sie sagt mir auch, dass man solche Eindrücke durchaus ernst nehmen sollte. Sie meint, dass sich das auch durchaus wieder verändern kann und  rät mir, solange ich mir mich selbst nicht hochschwanger vorstellen kann, nichts weiter zu tun. Sie meint, damit könne man sich auch selbst im Wege stehen, quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung. Im ersten Moment mag das alles sehr esoterisch anmuten, ist es aber nicht. Die Gedanken und das Unterbewusstsein haben einen großen Einfluss auf den Körper. Ich habe bisher allen Frauen, die ich während der Geburt begleitet habe, empfohlen, sich vorzustellen, wie der Muttermund sich öffnet. Das muss kein anatomisches Bild sein, es reicht auch z.B. die Vorstellung, wie man sich einen Rollkragenpulli über den Kopf zieht. Ich ermutige die Frauen immer wieder, eine Verbindung zum Kind aufzunehmen und fast immer führt das dazu, dass die Wehen zunehmen. Es gibt so viele Beispiele dafür, dass das kein Hokus-Pokus ist, dass es dafür keine Geisterwelt oder so braucht. Es ist einfach die Tatsache, dass Körper und Geist miteinander verbunden sind. Ich beschließe für mich, an diesem Bild zu arbeiten. Mir immer und immer wieder auszumalen, wie ich glücklich und zufrieden hochschwanger vor dem Spiegel stehe und glücklich den Bauch betrachte. So lange, bis ich es wirklich sehen kann.

Ich erzähle ihr auch, dass ich heute Morgen zum ersten Mal eine künstliche Befruchtung tatsächlich ernsthaft in Erwägung gezogen habe. Wenn ich darüber nachdenke, rückt es wieder in weitere Ferne, dann war es nur ein Moment. Aber eines wird mir immer klarer: ich kann den Wunsch nach einem weiteren Kind nicht loslassen und die Hoffnung darauf, dass wir am Ende doch noch ein Baby im Arm halten werden, hat sich in den letzten Tagen heimlich, still und leise in mir breit gemacht. Ich habe bemerkt, dass es mir viel besser geht, aber mir war nicht klar, was der Grund dafür ist. Sehr ruhig und irgendwie klarer mache ich mich auf dem Heimweg.

Am Nachmittag besucht mich meine Freundin mit ihren Kindern. Heute ist es wieder wahnsinnig heiß und ich bin sehr erleichtert, dass sie mich nicht überreden will, auf den Spielplatz zu gehen. Wir bleiben einfach daheim, die Kinder spielen und wir finden tatsächlich genug ruhige Momente, um ein bisschen zu reden. Ich erzähle ihr von meinem Termin heute und von dem Moment, als eine künstliche Befruchtung plötzlich kein Tabu mehr war. Sie sagt „dann mach es doch einfach“. So einfach ist das also. Ich weiß, dass ich noch lange nicht an dem Punkt bin, aber ich merke auch, dass an dieser Stelle eine Tür aufgegangen ist. Auch wenn der Gedanke nun ordentlich in mir rumort und arbeitet, irgendwie macht er mich auch ruhiger. Es ist noch lange nicht aller Tage Abend.

Nachdem die Kinder im Bett sind, kreisen die Gedanken in meinem Kopf ganz gewaltig. Ich merke, dass es mir besser geht, dass mein Blick sich wieder auf das richtet, was vor mir liegt und nicht nur zurück. Doch wenn ich die drei Narben auf meinem Bauch sehe, spüre ich immer einen Stich im Herzen. Die Stellen sind alle drei noch immer gerötet und ordentlich verschorft. So als wollten sie noch nicht richtig heilen. Wenn ich darüber nachdenke, dass mein Baby nicht mehr sicher in meinem Bauch ist – dass es dort niemals sicher war – bricht es mir noch immer das Herz. Manchmal kommen in diesen Augenblicken die Tränen, manchmal nicht. Es ist noch immer furchtbar schlimm, schmerzhaft und irgendwie unglaublich, doch so langsam beginnt es, zu meinem Leben zu gehören. Und es beginnt, besser zu werden.

Tag 15

Heute ist der erste Tag, seit ich krankgeschrieben bin, an dem die Kinder im Kindergarten sind, ich keinen Termin habe und keiner (außer meinem Mann ehe er arbeiten muss) hier ist. Ich beschließe, diesen Tag nochmal ganz bewusst zu nutzen, um einfach meinen Bedürfnissen nachzugehen. Wenn das bedeutet, den ganzen Tag auf der Couch zu hängen und nichts zu tun, dann ist das eben so. Denn diese Chance habe ich nur noch heute. Da Motivation nach wie vor ein ziemlich rares Gut ist, ist mir von vornherein klar, dass es genau darauf hinauslaufen wird.

Nachdem wir unsere Kinder gemeinsam für den Kindergarten fertig gemacht haben und mein Mann sie hingebracht hat, schreibe ich am Tagebuch. Danach fühle ich mich wieder etwas bedrückter, während des Schreibens konfrontiere ich mich immer sehr bewusst mit meinen Gedanken und Gefühlen und das ist ziemlich anstrengend. Doch ich glaube, es hilft. Ich glaube, wenn ich das nicht täte, ginge es mir schlechter.

Gerade, als ich fertig bin, klingelt es an der Tür. Unser Postbote steht mit einem kleinen und einem großen Paket davor. Er arbeitet gerade einen neuen Kollegen ein, deshalb dauert es ziemlich lange, bis ich unterschreiben und die Pakete mit rein nehmen kann. Während ich warte, betrachte ich die beiden Kisten etwas verwundert. Ich erwarte nichts, das kleinere ist von meinen Schwiegereltern für die Kinder, doch den Absender des größeren kenne ich nicht. Es ist eindeutig an mich adressiert. Und es ist ziemlich groß. Ich bin reichlich gespannt, was das sein mag. Als ich es endlich aufmachen kann, überkommt mich so langsam eine Ahnung. Der Inhalt ist mit Zeitungspapier geschützt und obenauf liegt ein zusammengerolltes Blatt Papier mit einer Schleife drum. Darauf steht eine Geschichte und am Ende ein kurzer Brief an mich. Das Paket ist von einem Teil der Mädels aus dem Forum. Sie wollen sich dafür bedanken, dass ich ihnen in der Vergangenheit so oft gute oder tröstende Worte habe zukommen lassen und nun in dieser schweren Zeit etwas für mich tun. Ich heule schon, seit mir klar geworden ist, aus welcher Ecke meines Lebens das Paket kommt. Doch je mehr ich auspacke, umso mehr Tränen fließen. Jede hat liebevoll etwas für mich zusammengestellt und jede hat mir eine Karte dazu geschrieben. So viele liebe Worte, die Balsam für meine Seele sind. Ich packe eine ganze Weile aus, denn es ist wirklich ein großes Paket. Voller liebevoller Kleinigkeiten, voller Trost und emotionaler Streicheleinheiten. Wäre der Anlass nicht so traurig, wäre es sicher einer der schönsten Momente meines Lebens. Doch es ist definitiv einer der wichtigsten und wertvollsten.  Diese wundervolle und außergewöhnliche Geste rührt mich zutiefst.

Als ich gestern bei meiner Hebamme war, hat sie mir einen Flyer in die Hand gedrückt. Dabei geht es um ein Buchprojekt, das sich mit Verlusten in den ersten Schwangerschaftswochen befasst. Gerade weil ich mich mit meiner Geschichte so alleine fühle, ist es mir unheimlich wichtig, sie zu teilen und zu erzählen. Weil ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll und wie ich die für mich besondere Tragik verarbeiten soll und weil ich mir vorstellen kann, dass es anderen genauso geht. Da der Beginn des Projektes schon eine ganze Zeit zurückliegt, frage ich zunächst an, ob es noch aktuell ist. Am Nachmittag erhalte ich die Antwort, dass dem so ist und am Abend setze ich mich an den Computer, um den Fragebogen auszufüllen. Gegen halb acht fange ich damit an und ehe ich fertig bin, ist es ein Uhr am Morgen. Damit hätte ich nicht gerechnet. Und es ist unendlich schwer. Ich kenne meine Geschichte, ich habe sie bereits mehrfach erzählt und ich hätte nicht gedacht, dass es mich so mitnimmt. Dennoch ist es so. Durch die verschiedenen Fragen, liegt der Fokus immer wieder auf Details und mich gedanklich nochmal so in die Situation hineinzuversetzen wühlt mich sehr auf. Als ich am Ende noch einmal alles durchlese, stolpere ich gleich über eine der ersten Fragen: „Wie viele Kinder hast du (an der Hand, im Herzen)?“ Meine Antwort: „fünf; zwei an der Hand und drei im Herzen“ Zum tausendsten Mal frage ich mich, ob das wirklich mein Leben ist, um das es da geht.

Als ich endlich fertig bin, bin ich hundemüde und mein emotionales Meer ist wild aufgepeitscht. Und doch tat es gut und war irgendwie befreiend, diese Email zu verschicken.

Eine der lieben Frauen, die dieses wundervolle Paket an mich geschickt haben, hat mir Anfang der Woche Folgendes geschrieben: „Gespannt lese ich jeden neuen Eintrag [es geht um dieses Tagebuch], immer wieder in der Hoffnung, am Ende nicht lesen zu müssen, dass du froh bist, wieder einen Tag hinter dich gebracht zu haben. Ich freue mich sehr auf das erste Mal, wenn ich lesen kann, dass du froh bist, den vergangenen Tag erlebt zu haben, weil er es wert war.“

Heute bin ich zutiefst dankbar, dass ich diesen Tag erleben durfte. Dass ich erleben durfte, dass Menschen, denen ich noch nie im Leben persönlich begegnet bin, so voller Liebe an mich denken und mir einen Teil meines Schmerzes abnehmen wollen. Mir gut tun wollen, obwohl sie mich noch nie gesehen haben. Mir Geschenke machen, Zeit, Energie und Geld investieren um einen Menschen zu trösten, den sie nicht kennen. Ich schätze mich sehr glücklich, dass mir in meinem Leben so etwas Großartiges widerfährt. Ich bin glücklich, dass ich den heutigen Tag durchleben und das erfahren durfte.

Tag 17

Ja, da fehlt ein Tag. Nicht, dass es über gestern nichts zu sagen gäbe, aber ich stelle fest, dass ich auch dieses Tagebuch nicht mehr so sehr brauche. Es herrscht wieder mehr Ordnung in meinen Gedanken und die Normalität nimmt wieder mehr Platz ein, sodass ich mir nicht mehr jeden Tag seitenweise Kram von der Seele schreiben muss. Es geht wirklich bergauf.

Aber es ist gar nicht so leicht, sich darüber zu freuen. Die letzten Wochen waren die schlimmsten meines Lebens und festzustellen, dass die Trauer irgendwann nicht mehr das Leben bestimmt, ist ein seltsames Gefühl. Ich weiß, dass ich gerade durch die vielen Seiten, die ich geschrieben habe, viel verarbeiten konnte und dass das Leben irgendwann wieder normal und schön ist. Dennoch ist da dann diese kleine Stimme im Kopf die anklagend fragt „Hast du dein Kind etwa schon vergessen? So groß war deine Mutterliebe also, dass du nach zwei Wochen schon darüber hinweg bist, dass es tot ist!“. Irgendwann muss es besser werden. Meine Kinder sind ein Segen, denn sie zwingen mich dazu, es zuzulassen. Aber ich bin weit entfernt von „darüber hinweg“, ich denke 1.000 Mal am Tag an mein Baby. Daran, dass ich jetzt freudestrahlend über der Kloschüssel hängen und kotzen müsste. Doch das tue ich nicht, denn mein Baby ist tot. Nein, ich habe es nicht vergessen. Aber ich habe begonnen, damit zu leben. Ich hoffe, dass ich nicht zu lange mit dieser fiesen Stimme und ihrem erhobenen Zeigefinger leben muss… bei jedem Lachen, jedem Moment der Freude, ist sie nämlich sofort da. Wie lange bleibt das wohl so?

Heute muss ich zurück ins wirkliche Leben. Mein Mann hilft vor der Arbeit bei einem Umzug und meine Tochter ist am Nachmittag auf einem Kindergeburtstag. Ich bin mit den beiden Mäusen also auf mich gestellt und treffe am Nachmittag auf viele Menschen auf einem Haufen, von denen der Großteil Bescheid weiß, mir in den letzten zwei Wochen aber noch nicht begegnet ist. Puuh, ich freue mich so gar nicht… Meine Tochter hat gerade keine leichte Zeit. Sie benimmt sich meistens überaus vorbildlich, immer darauf bedacht, keinen Unmut zu erregen. Und sie ist äußerst anhänglich, mag am liebsten immer bei Mama oder Papa sein und schon gar nicht alleine irgendwo hingehen. Obwohl der Kindergeburtstag in einem Indoor-Spielplatz stattfindet und diese Location für die Kids wie ein Sechser im Lotto ist, kann ich sie nicht überzeugen, ohne Mama zu gehen. Ich muss sie hinbringen und mit rein gehen. „Mama, dann wenn ich spiele und rutsche kannst du wieder gehen“. Ha ha meine Kleine, von wegen. Was macht wohl ein Zweieinhalbjähriger, der in so ein Ding mitgenommen wird und dann nach einer Viertelstunde wieder gehen soll? Ich weiß, ich werde nirgendwo hingehen… Also stelle ich mich auf tiefgründige Gespräche am Rande der Spielfläche bei relativ lauter Geräuschkulisse ein. Die Vorstellung liegt nicht wirklich weit daneben. Aber es ist okay, ich mag zum Glück jeden dieser Menschen und es tut auch gut, darüber sprechen zu dürfen. Keiner tut so, als sei nichts gewesen, ich werde mehrfach direkt darauf angesprochen, aber immer mit dem Beisatz „oder sollen wir das Thema lieber vermeiden?“ Es ist wirklich okay und ich kann tatsächlich ohne eine einzige Träne darüber sprechen. Einmal muss ich tief durchatmen und das Thema wechseln, um nicht loszuheulen, doch im Großen und Ganzen ist es wirklich in Ordnung.

Das einzige was mich die letzten Tage irritiert ist die Frage: „Geht es dir wieder besser?“ Ich höre und lese das gerade andauernd und frage mich immer wieder, warum? Was ist der Zweck dieser Frage? Ist es, weil „wie geht es dir“ irgendwie blöd ist, oder weil es an der Zeit ist, dass es mir besser geht? In mir löst diese Frage das Gefühl aus, irgendetwas wie „ja, alles wieder super“ antworten zu müssen. Es geht mir besser, aber wenn nicht, wäre das dann falsch?

Am Ende habe ich jedenfalls einen tatsächlich sogar recht angenehmen, wenn auch anstrengenden Nachmittag verbracht und fahre mit zwei total müden Kindern nach Hause. Sie schlafen schnell und ich habe endlich Ruhe, denn danach habe ich mich den ganzen Tag schon irgendwie gesehnt.

Es tut gut, wenn man einfach sagen darf, wie es ist. Wenn nicht erwartet wird, dass man lächelt und winkt und jedem die Idylle vorspielt. Ich glaube in diesem Punkt habe ich ganz großes Glück mit meinem Umfeld gehabt. Der Tag heute war eine gute Vorbereitung für nächste Woche, wenn das normale Leben tatsächlich in allen Bereichen wieder losgeht. Wenn ich wieder Arbeite und mich dem Alltagswahnsinn eines Empfangs stellen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das wohl wird, denn auch wenn der Tag heute okay war: ich bin schon seit Stunden fix und alle und einfach hundemüde. Momentan kostet alles irgendwie die dreifache Menge an Kraft und ich brauche gefühlt doppelt so viel Schlaf wie sonst, um einigermaßen auf der Höhe zu sein. Auch daran merke ich sehr deutlich, dass das alles noch lange nicht ausgestanden ist.

Ich bin froh, dass ich den Tag heute so gut über die Bühne gebracht habe und er nun vorbei ist. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn mir schlimmer vorgestellt.

Tag 18

Auch Nächte, die nicht so toll waren, haben eine viel stärkere Auswirkung als sonst. Ich brauche dann gleich wieder viel länger, um in die Gänge zu kommen und den Tag wirklich anzufangen. Nach wie vor muss ich mir auch noch immer einige innerliche Tritte in den Hintern verpassen, um die im Alltag so anfallenden Dinge zu erledigen, doch auch das ist nicht mehr ganz so schlimm.

Nur mein Smartphone muss ich mir dringender denn je abgewöhnen, denn das ist wirklich mein Mittel zur Flucht aus der Realität. Wann immer mir das Hier und Jetzt gerade zu viel wird, habe ich das blöde Ding in der Hand – und das ist ganz schön oft. Finde ich ja nicht gut, wenn die Kids dabei sind und war vorher auch schon viel zu viel, doch jetzt muss ich da wirklich aufpassen.

Heute gehe ich einen riesen Schritt: weil die ersten Hosen schon nicht mehr zugingen und um meine Angst zu bekämpfen, habe ich einige Tage vor dem Arzttermin einen Teil meiner Umstandssachen gewaschen und in den Schrank geräumt. Damit sie greifbar sind, wenn sie gebraucht werden. Und weil ich daran glauben wollte, dass alles gut wird. Das alles war noch immer da: die Arbeitshosen im Bad, die Jeans, T-Shirts und Blusen im Schrank. Jedes Mal, wenn ich ein Teil davon gesehen habe, hatte ich einen Kloß im Hals, aber ich konnte mich auch nicht überwinden, die Sachen wegzuräumen. Heute mache ich es. Ich sortiere alles aus, verpacke es und verstaue die Sachen unter dem Bett. Es kostet mich viel Mut und Überwindung, doch als es erledigt ist, bin ich erleichtert. Natürlich ist es nicht einfach und ich muss auch einige Male schwer schlucken, doch nun ist es erledigt. Gut so.

Heute Nachmittag bin ich mit der Freundin, die ich momentan sehr häufig sehe, verabredet. Meine Tochter hat sich schon lange gewünscht, dass wir mal wieder auf einen bestimmten Spielplatz gehen und heute machen wir das. Da wir beide nicht unbedingt den grandiosesten Vormittag hinter uns haben, packe ich eine der kleinen Flaschen Sekt aus dem wundervollen Paket mit ein. Die Kinder fangen sofort an zu spielen und so können wir auch gleich in aller Seelenruhe auf bessere Zeiten anstoßen. Wir kommen uns zwar ein bisschen böse vor, stehen da am Rande des Sandkastens und trinken klammheimlich Sekt aus bunten Kinderbechern, aber es ist super. Und ich stelle fest, dass mich die 38 wunderschönen, kugelrunden Babybäuche, die uns im Laufe des Nachmittags begegnen, heute gar nicht so traurig machen. Es mag zwar kein Patentrezept sein, aber für den Moment doch ganz gut. Und ich muss sagen: es ist ein schöner Moment, ein verschwörerischer, einer mit einem Augenzwinkern. So einen Moment hatte ich schon lange nicht mehr.

Je mehr ich mich damit befasse, umso weniger gruselig erscheint mir der Gedanke an eine künstliche Befruchtung. Seit ich mich damit befasse, kann ich mir wieder problemlos vorstellen, wie ich mit dickem Kugelbauch aussehe. Interessanterweise habe ich in dieser Vorstellung immer sommerliche Kleidung an – ich hatte mir für ein drittes Kind immer ein Sommerbaby gewünscht. Wer weiß, vielleicht geht dieser Wunsch ja doch noch in Erfüllung?

Eine große Hilfe ist mir hier das Forum, die Mädels die schon Erfahrungen damit gemacht haben und vor allem natürlich die, die nun ihre so entstandenen Kinder glücklich in den Armen halten.

Der Gedanke macht mir nach wie vor Angst, die damit einhergehende Hormonbehandlung, die Tatsache, dass ich mir den natürlichen Weg wünschen würde. Und die höhere Wahrscheinlichkeit für eine Zwillingsschwangerschaft. Was wäre, wenn wir dann glückliche Eltern von vier Kindern wären? Wow, wo sollen die alle schlafen? Solche Gedanken beschäftigen mich sehr, gehen mir immer wieder durch den Kopf. Doch es sind gute Gedanken, denn sie bieten mir eine Perspektive. Ich bin nicht gezwungen, nur Abschied zu nehmen. Wir müssen die Hoffnung nicht aufgeben, wir haben die Wahl. Natürlich ist an dieser Stelle noch lange nichts entschieden, doch es hilft mir, nach vorne schauen zu können. Mir Gedanken um etwas machen zu können, was mir Hoffnung gibt.

Völlig ambivalent zu diesen Gedanken ist mein Bedürfnis, Dinge loszulassen. Ich habe bisher kaum ein Teil der Kleidung meiner Kinder hergegeben. Ich habe immer wieder mal etwas verliehen, aber noch nie wirklich ernsthaft Dinge weggegeben. Heute Abend packt es mich plötzlich und ich sortiere und fotografiere wie verrückt. Stelle jede Menge Kleidung zum Verkauf ein. Obwohl mich auch der heutige Tag extrem geschlaucht hat, bin ich bis kurz vor Mitternacht damit beschäftigt. Schon komisch, einerseits die Hoffnung auf ein weiteres Kind so festzuhalten und andererseits die Dinge, die ich bisher aus genau diesem Grund nicht hergeben wollte, plötzlich loszulassen. Ein kleines bisschen verrückt finde ich mich noch immer…

Meine drei Sterne werden niemals zu ersetzen sein. Ich werde diese Kinder immer in meinem Herzen tragen und sie niemals vergessen. Jedes von ihnen war gewollt und erwünscht, wir hätten für jedes von ihnen alles getan, um es behalten zu dürfen. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet wir diesen Weg gehen müssen. Was er uns für unser weiteres Leben bringt. Aber so langsam sehe ich nicht mehr nur den Weg, der hinter mir liegt, sondern ich sehe auch wieder einen vor mir. Und je mehr ich es schaffe, nach vorne zu sehen, umso mehr kann ich daran glauben, dass ich eines Tages mit meiner Geschichte Frieden schließen kann. Und wer weiß, vielleicht macht das alles eines Tages ja tatsächlich Sinn…

Dieser Tag, diese Woche geht zu Ende. Ich blicke der kommenden Woche mit schwer gemischten Gefühlen entgegen, kann mir noch gar nicht vorstellen, wie das werden soll, wenn der Alltag wieder völlig normal stattfindet. Aber vermutlich werde ich es sehen…

Tag 20 – der erste Arbeitstag

Heute gehe ich zum ersten Mal wieder arbeiten. Es fällt mir nicht leicht und ich habe große Zweifel, ob ich dem gewachsen bin. Ich fühle mich eher nicht so. Ich fange sehr früh an zu arbeiten und da der Morgen in letzter Zeit nicht gerade meine stärkste Tageszeit war, bin ich positiv verwundert, dass ich relativ problemlos in den Tag starten kann.

Die morgendlichen Abläufe sind völlig normal und doch total fremd. Als ich das letzte Mal zur Arbeit gegangen bin, begann der Tag noch mit einer Tasse Kamillentee, die meistens wenige Sekunden nach der Ankunft im Magen ohne Umwege in die Toilette wanderte. Als ich meine Arbeitshose das letzte Mal anhatte, konnte ich den Knopf nicht mehr schließen und musste mit Haargummi und Sicherheitsnadel nachhelfen. Beides ist noch an Ort und Stelle. Dieses Oberteil hatte ich seit zwei Monaten nicht mehr an, weil ich noch nicht allen sagen wollte, dass ich schwanger bin, es aber durchaus den Rückschluss zugelassen hätte. Ich habe mich seit über drei Wochen nicht mehr geschminkt, weil ich nicht das Bedürfnis danach hatte. Weil es mir beschissen geht und ich keinen Elan hatte, mir die Mühe zu machen, das zu überdecken. Heute halte ich es für meine Pflicht. Im Auto kämpfe ich immer wieder mit den Tränen. Als ich diesen Weg die letzten Male gefahren bin, wollte ich immer mit aller Macht glauben, dass alles gut ist. Alles ist wie immer und nichts ist mehr so, wie es war. Vor allem nicht so, wie es sein soll.

Als ich durch die Tür komme, werde ich von einer Kollegin mit einem leisen, aber sehr warmen „Willkommen zurück“ begrüßt. Ich kann gar nicht sagen, wie gut mir diese beiden Worte tun. Sie machen es besser, öffnen eine Tür in meinem Inneren. Sagen mir, dass es gut ist, dass ich wieder hier bin. So ist es dann auch. Es ist stressig. Und nervig. Und anstrengend. Doch es ist schön, meine Kollegen so lieb und voller Wärme. Es tut richtig gut. Ich darf viele ehrliche Gespräche führen, darf sagen, wie es mir wirklich geht. Ich darf ankommen, zurückkommen, abgelenkt sein und erstaunlich oft auch lachen. Es tut einfach gut.

Wieder daheim bin ich hundemüde, völlig kaputt. Während der Arbeit habe ich es gar nicht bemerkt, aber schon auf dem Heimweg im Auto hätte ich einfach einschlafen können. Es scheint, als würde alles, was ich tue, gerade doppelt so viel Energie kosten wie sonst.

Mein Mann ist mit den Kindern daheim, als ich komme und verschafft mir noch eine Verschnaufpause. Später gehen wir noch eine Runde mit unseren beiden Mäusen spazieren und halten uns fest an der Hand. Nun geht der Alltag wieder los, der Ausnahmezustand ist, zumindest was die äußeren Umstände angeht, zu ende.

Heute Abend ist mit mir nicht mehr viel anzufangen. Ich bin einfach nur müde und kaputt. Will mich in den Arm meines Mannes kuscheln und einschlafen. Genau das mache ich dann auch und bin froh, dass ich den heutigen Tag überstanden habe.

Tag 21

Auch der zweite Arbeitstag geht erstaunlich gut. Immer wieder ergeben sich Gespräche mit Kollegen, denen ich mich verbunden fühle.  Es tut gut, dass keiner von ihnen  so tut, als sei ich einfach nur krank gewesen, oder als wüssten sie nicht, was passiert ist. Ich werde ganz ehrlich gefragt und die Momente, in denen ich darüber sprechen kann, helfen mir, die restliche Zeit fast schon normal zu erleben. Viele ruhige Momente gibt es auch nicht, dafür ist die personelle Lage gerade zu angespannt, aber die Ablenkung tut ebenfalls sehr gut.

Kurz vor Feierabend klingelt mein Handy. Ich stelle mit einiger Überraschung fest, dass es die Pathologie der Klinik ist. Vor zwei Tagen hatte man meinem Mann noch erklärt, dass wir das Baby doch noch nicht haben können.  Die Dame, mit der ich telefoniert hatte, sei nun drei Wochen in Urlaub und habe keine entsprechende Anweisung hinterlassen. Wir hatten schon große Zweifel daran, ob es überhaupt noch klappt und mit jedem Anruf wurde es etwas schwerer, die Energie dafür aufzubringen. Doch nun hat der freundliche Herr gute Neuigkeiten für mich: es gab doch eine entsprechende Anweisung und ich kann unseren kleinen Schatz abholen. Da ich nicht weit von der Klinik entfernt arbeite, beschließe ich, das gleich auf dem Nachhauseweg zu erledigen.

Der Anruf wirft mich völlig aus der Bahn, ich kann mich nicht mehr konzentrieren und bin ziemlich durcheinander. Ich kann mich auch nicht wirklich freuen, dass es nun so weit ist. Es fühlt sich an, als hätte ich einen kräftigen Schlag auf den Kopf bekommen.

In der Pathologie begrüßt mich ein anderer Herr freundlich und sagt „Schauen Sie, da steht das Würmchen. Sie müssen nur unterschreiben, dann dürfen Sie es mitnehmen.“ Ich bin ihm so dankbar für diese Worte, sie sind so lieb und tun so gut.

Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was ich wohl bekommen werde. Es ist ein Plastikröhrchen, mit meinem Namen und Geburtsdatum und „Schwangerschaftsmaterial“ beschriftet. Darin befindet sich ein zweites, kleineres Röhrchen und dazwischen Papier, sodass der Inhalt nicht zu sehen ist. Unspektakulär und doch bedeutet es die Welt.

Während der nette Herr die Unterlagen für die Unterschrift holt, überfliege ich die Papiere, die ich  bekomme. Es ist der pathologische Befund, der genau das enthält, was die Dame mir am Telefon bereits sagte. Ich bereue sofort, ihn gelesen zu haben. Wie viel besser waren die Worte, des freundlichen Kollegen:

„Schauen Sie, da steht das Würmchen. Sie müssen nur unterschreiben, dann dürfen Sie es mitnehmen.“ Hätte ich es doch nur dabei belassen.

Ich unterschreibe und packe das Röhrchen ganz vorsichtig in meine Handtasche. Es kommt mir fast schon pietätlos vor, es einfach so einzustecken, aber für jeden sichtbar in der Hand mit mir rumtragen möchte ich es auch nicht. Auf dem Heimweg rufe ich meinen Mann an. Ich kann kaum reden, mir sitzt ein dicker Kloß im Hals. Plötzlich umhüllt mich die Trauer um das, was nun neben mir auf dem Autositz liegt, statt in meinem Bauch zu sein, wie ein schwerer, dunkler Mantel.

Zuhause angekommen überlege ich, was ich nun damit tue. Will ich sehen, was in dem Röhrchen ist? Am Ende siegt die Neugier, doch ich stelle fest, dass das innere Röhrchen etikettiert ist und der Aufkleber den Inhalt fast vollständig verdeckt. Aber es ist zu sehen, dass er in Flüssigkeit schwimmt.

Wie werden wir das Krümelchen beisetzen? Lassen wir es in seinem Röhrchen in der Flüssigkeit? Oder holen wir es raus? Ich habe noch keine Vorstellung.

Plötzlich fühle ich mich völlig ausgelaugt. Es bleibt noch ein bisschen Zeit, bevor ich die Kinder abholen muss und so lege ich mich noch einen Moment hin. Doch schlafen kann ich nicht. Meine Gedanken kreisen und ich fühle mich deutlich schlechter als heute Morgen. Es scheint, als hätte ich es nun, da ich es in der Hand halte, endlich begriffen: mein Kind ist gestorben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir unter „das Baby nach Hause holen“ etwas völlig anderes vorgestellt und gewünscht hätte. Aber so ist es nun.

Ich schreibe an „Himmelskleider“. Paradoxerweise – oder war es Schicksal? – habe ich am Morgen vor dem ersten Ultraschall von dieser Organisation erfahren. Aus gespendeten Brautkleidern werden Tauf- und Himmelskleider für Kinder gemacht, die viel zu früh gehen mussten und die für Babykleidung viel zu klein waren. Und für die Kinder, die zu klein waren, um angezogen zu werden, gibt es kleine Pucksäckchen. Ich schreibe der Initiatorin und frage sie, ob ich eines bekommen kann. Da wir unser Baby nun beerdigen können, möchte ich meinem Kind gerne eine schöne und würdevolle letzte Reise gestalten. Egal wie klein es war.

Die Antwort kommt schnell und ist so warm und herzlich, dass ich zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig weinen kann. Mir kommen nicht nur die Tränen, ich sitze da, heule und schluchze und all der Schmerz, den ich versuche zu verarbeiten ist plötzlich wieder präsent.

Der Rest des Tages fällt mir sehr schwer und ich hoffe, dass er schnell  ein Ende haben möge. Meine Tochter ist wahnsinnig anstrengend heute und als das endlich endet, weil sie eingeschlafen ist, ist mein Sohn noch fast zwei Stunden hellwach. Doch dort im dunklen Zimmer zu sitzen entspricht meiner Stimmung und so kann ich es ganz gut aushalten. Doch ich bin wirklich froh, als ich mich endlich auf der Couch in die Decke kuscheln kann und dieser lange, schwierige und anstrengende Tag ein Ende hat.

Tag 23

Seit ich die Nachricht aus der Pathologie erhalten habe, geht es mir wieder deutlich schlechter. Als ich heute Morgen aufstehe, fühle ich mich, als hätte ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Meine Augen sind geschwollen und mein Gesicht glüht.

Heute wartet ein alles andere als entspannter Arbeitstag auf mich und danach muss ich noch einkaufen. Ich schiebe es schon geraume Zeit vor mir her, doch nun ist es an der Zeit, endlich etwas zu besorgen, worin wir unser Baby beerdigen können.

Es gibt einen Laden direkt neben meiner Arbeit, der garantiert das Passende hat. Zügig finde ich ein kleines Weidenkörbchen mit Deckel und kaufe noch einen kleinen Teddy und ein Plüschherz, um sie dem Baby mitzugeben. Als ich damit an der Kasse stehe, kämpfe ich mit den Tränen. Die Kassiererin schaut mich leicht irritiert an und ich verlasse so schnell es geht den Laden.

Zuhause wartet ein Paket von „Himmelskleider“ auf mich. Ich bin überrascht, wie groß es ist. Darin finde ich ein wunderschönes Pucksäckchen, ein Herz aus demselben Stoff, eine Kerze und einen Brief. Ich betrachte die Sachen, nehme alles einzeln in die Hand und schaue es mir lange an. Das ist für mein Kind. Es ist mein Baby, das wir da morgen beerdigen werden. So wie jetzt habe ich schon einige Zeit nicht mehr geweint. Taschentuch um Taschentuch landet völlig durchnässt vor mir auf dem Tisch. Als es wieder geht, nehme ich den Brief und lese ihn. Er berührt mich zutiefst und ich bin wirklich froh, dass ich den Schritt gegangen bin und um dieses Pucksäckchen gebeten habe.

Ich hole das Körbchen und das Plastikröhrchen mit dem Baby. Noch immer unentschlossen, ob ich das innere Röhrchen öffnen soll, oder nicht, lege ich es zunächst so wie es ist in das Säckchen.

Ich habe einen roten Schal mit Sternen gekauft, um ihn dem Baby als Decke mitzugeben. Er ist viel zu groß für das Körbchen und ich schneide ein passendes Stück ab. Das alles zu tun, fällt mir unsagbar schwer. Bald muss ich los, um meine Kinder aus dem Kindergarten abzuholen, deshalb höre ich für den Moment auf und räume ich die Sachen in den Schrank.

Zum Glück treffe ich am Kindergarten eine Freundin und wir verbringen den Nachmittag gemeinsam mit den Kindern. Für den Moment brauche ich ganz dringend Ablenkung.

Als die Mäuse am Abend schlafen, hole ich die Sachen wieder hervor. Ich lege das Weidenkörbchen mit dem Stoff des Schals aus und lege das Pucksäckchen, den Teddy und das Herz hinein. Es erscheint mir viel zu voll, die Sachen liegen nicht, sondern sind aufrecht einsortiert. Das kann ich so nicht lassen, es lässt mir keine Ruhe. Mangels Alternative, richte ich zunächst alles in die Schachtel, in der die Sachen von Himmelskleider kamen. Sie ist größer und alles hat genug Platz, so ist es viel besser. Morgen früh werde ich ein größeres Weidenkörbchen besorgen. Lange sitze ich davor, schaue das kleine Säckchen an, streiche mit den Fingern darüber und kann es noch immer nicht fassen. Nach über drei Wochen werden wir morgen unser Kind beerdigen.

Ich beschließe, meinem Kind noch einen Brief mitzugeben und beginne, den vom Tag nach der OP abzuschreiben. Irgendwann wird mir bewusst, dass das nicht die Worte sind, die ich ihm in den Himmel mitgeben möchte. Ich lege das Blatt beiseite und nehme mir ein neues:

„Mein geliebtes Kind,

ich habe niemals etwas so gewollt, wie dich. Ich wollte dich unter meinem Herzen tragen, dir das Leben schenken und dich beim Aufwachsen begleiten. Ich wollte dich jeden Tag deines Lebens von ganzem Herzen lieben.

All das werde ich niemals tun dürfen und darüber bin ich zutiefst traurig und verzweifelt. Aber eine Sache darf ich tun:

Ich werde dich an jedem weiteren Tag meines Lebens von ganzem Herzen lieben!
Möge Gott dich in seiner liebenden Hand bergen und dir einen Namen geben.
ich werde dich immer im Herzen tragen.
Ich liebe Dich!
Deine Mama“

Den Brief lege ich mit in die Schachtel, fotografiere alles und habe das Gefühl, dass ich den Deckel nun eigentlich schließen müsste. Doch ich kann es nicht. Es geht einfach nicht.

Ich lasse ihn noch offen, der Moment, wenn ich ihn schließen MUSS wird sowieso kommen.

Heute Abend weine ich richtig viel. Der Schmerz hat eine neue Tiefe bekommen, eine andere Farbe, einen neuen Ton. Ist bewusster, realer. Plötzlich kommen mir alle Gedanken, die ich mir um die Zukunft gemacht habe, wie eine Ausrede vor. Ein Vorwand, um mich nicht damit beschäftigen  zu müssen, was ich gerade verloren habe.

Ich habe mein lebendes, geliebtes Kind verloren. Ich habe einen Teil meiner weiblichen Organe verloren. Ich habe mindestens fünfzig Prozent der Chancen auf eine weitere Schwangerschaft verloren. Ich habe das Vertrauen in meinen Körper, den Glauben daran, dass er das aus eigener Kraft schaffen kann, verloren. Ich habe einen großen Teil meines Optimismus verloren. Ich habe mein Kind verloren.

Es ist ein großer Verlust. Völlig klar, warum ich mir lieber Gedanken darüber mache, ob und wie wir es weiter versuchen, als mich dieser Liste zu stellen und sie zu meiner Aufgabenliste zu machen.

Als mein Mann nach Hause kommt, ist auch er sehr schweigsam und in sich gekehrt. Wir besprechen nur kurz, wie der morgige Tag ablaufen wird, damit wir unseren Schatz in einem angemessenen Rahmen beisetzen können und das nicht so nebenher läuft. Da nichts dabei ist, was optisch nach Baby aussieht, beschließen wir, die Kinder dabei sein zu lassen. Wer weiß, vielleicht hilft es auch ihnen.

Es ist spät, als mein Mann den Fernseher einschaltet und ich bin dankbar, dass das, was da läuft, meine Gedanken übertönt.

Nun ist dieser Tag zu Ende und morgen wird kommen. Oh man.

Tag 24

Es ist so weit, heute werden wir unseren kleinen Krümel also beerdigen. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg, auf der Suche nach einem geeigneten Weidenkörbchen. Ich finde keines. In einem Laden entdecke ich etwas Schönes, doch es hat keinen Deckel. Ich suche weiter, finde nichts. Gehe wieder zurück in den Laden. Rufe meinen Mann an. Nein, ohne Deckel geht es nicht, das sieht er genauso. Also doch nicht. Mit wenig Hoffnung klappere ich noch drei weitere Läden ab, doch es gibt einfach nichts Passendes. Ich fahre noch zu einem Blumenladen, denn ich möchte drei weiße Rosen auf das Grab legen. Eine für jedes Kind. In dem Buch „leise wie ein Schmetterling“ berichtet eine Mutter, dass ihr Mann ihr eine weiße Rose ins Krankenhaus mitgebracht hat. Eine Rose, weil sie die Blume der Liebe ist und weiß, weil das die Farbe der Unschuld ist. Wie passend für ein Baby, gezeugt in Liebe, das unschuldig sterben musste, noch ehe sein Leben wirklich beginnen konnte. Ich bekomme drei wunderschöne Rosen, wenigstens das hat geklappt. Daheim hole ich eine geflochtene Kiste hervor, die mein Mann bereits vor Tagen vorgeschlagen hat, die mir aber zu groß erschien. Ich lege das Tuch mit den Sternen, meinen Brief, zwei kleine Teddybären und das Pucksäckchen hinein. Bei meiner letzten Fehlgeburt fand ich am Ende der Blutung die winzig kleine Fruchthöhle. Nur so groß, wie die Spitze des kleinen Fingers, aber unverkennbar die Anlage dessen, was unser Kind hätte werden sollen. Ich bewahrte es auf, um es im Garten zu beerdigen, denn einfach entsorgen wollte ich es nicht. Nun hole ich es hervor und lege es zu dem kleinen Plastikröhrchen in das Pucksäckchen.

Die Kiste haben mein Mann und ich zur Hochzeit bekommen. Darin war ein Blumengesteck und ein Schatz. Ich fand immer, dass sie ein besonders schönes Geschenk war. Ich hätte nie erwartet, dass sie einmal so wichtig für mich werden könnte. Wie gut, dass wir sie damals geschenkt bekamen, denn mit keiner anderen Lösung wäre ich zufrieden gewesen.

Mein Mann hat in der Zwischenzeit draußen ein Loch gegraben. Die Kinder haben Bilder gemalt und Blumen gepflückt, die wir dem Baby mit in die Kiste legen. Wir erzählen ihnen, dass ein Grab der Ort ist, an dem man sich an gestorbene Menschen erinnert und dass das Baby im Himmel ist. Unsere Tochter hat momentan immer wieder Albträume und wir sind besorgt, dass es ihr Angst machen könnte, wenn wir sagen, dass das Baby nun vergraben wird. Aber irgendwie scheint sie es sowieso zu wissen.

Es kommt der Moment, als alles fertig ist und auch keine Nachbarn mehr auf der Straße stehen. Wir holen die Kiste, stellen sie mit offenem Deckel neben das Loch in der Erde und hören das Lied „wie schön du bist“ von Sarah Connor. Von Beginn an, habe ich es mit diesem Kind in Verbindung gebracht. Weil ich wusste, dass es mit drei Kindern anstrengend werden würde. Weil ich wusste, dass es mich an meine Grenzen bringen würde. Weil ich wusste, dass es nicht immer einfach ist, ein Kind groß zu ziehen. Weil ich wusste, dass es seinen eigenen Charakter mit Ecken und Kanten haben würde. Weil ich wusste, dass ich mit diesen Ecken und Kanten aneinander geraten würde. Und weil ich es genau so gewollt habe. Mehr als irgendetwas jemals zuvor.  Und ich hätte mir nichts sehnlicher gewünscht, als all diese Farben, diese Ecken und Kanten und natürlich auch die weichen Seiten kennenzulernen. Sie zu lieben und diesem Kind an jedem Tag seines Lebens zu zeigen, dass es wundervoll ist, genau so, wie es ist.

Danach lesen wir „weißt du eigentlich wie lieb ich dich habe“. Unsere Tochter unterbricht immer wieder, stellt Fragen. Sie wirkt weder aufgeregt, noch beängstigt, sie nimmt einfach interessiert am Geschehen teil. Unser Sohn sitzt ganz still bei Papa auf dem Schoß.

Als die Geschichte zu Ende ist, kommt der Moment vor dem ich mich wirklich fürchte. Begleitet von Xavier Naidoo mit „Amoi seg ma uns wieder“ schließe ich gemeinsam mit meiner Tochter den Deckel und mein Mann stellt die Kiste mit ihr zusammen in das Loch. Wir streuen Erde darauf, was beide Kinder mit erstaunlicher Ruhe mitmachen. Mein Mann stellt das Bäumchen mit hinein und wir lassen sie das Loch mit der Erde füllen. Ich hole den kleinen Stein, die Laterne und die Rosen und lege sie darauf. Und dann sind wir fertig. Es gibt nichts mehr zu tun. Nun ist es vorbei. Meine Tochter fragt, wann es Essen gibt und das normale Leben geht weiter.

Die Stimmung am Tisch ist nicht wirklich getrübt, unsere Tochter erzählt zwar ab und zu vom Baby, aber an sich ist alles ganz normal.

Später am Tag kommt meine Freundin mit ihren Kindern und wir fahren gemeinsam ein Eis essen und auf den Spielplatz. Ich stelle erstaunt fest, dass ich mich tatsächlich relativ gut fühle. Ziemlich kaputt, aber dennoch gut. Irgendwann, als wir schon wieder auf dem Heimweg sind, sagt meine Tochter ganz stolz zu meiner Freundin „Duhu, wir haben jetzt ein Grab!“ Ein etwas seltsamer Moment, doch ich empfinde es als beruhigend, dass es ihr tatsächlich keine Angst zu machen scheint.

Abends sitze ich noch eine Weile neben dem Grab. Das Teelicht in der Laterne ist längst ausgebrannt und ich stelle ein neues hinein. Ich bin traurig darüber, dass es so gekommen ist. Doch zum ersten Mal seit über drei Wochen, habe ich Frieden damit.

Tag 26

Es ist tatsächlich so geblieben: meine Grundstimmung bleibt ruhiger. Die Trauer ist natürlich da, aber sie hat sich verändert. Den Menschen, die es interessiert zeige ich gerne Fotos davon, wie wir unseren kleinen Schatz bzw. unsere zwei kleinen Schätze, zur Ruhe gebettet haben. Jeden Tag gehe ich mehrmals kurz zum Grab und halte einen Moment inne. Es tut so gut, das tun zu können. Vor allem bei unserem ersten Sternchen hat mir diese Möglichkeit sehr gefehlt.

Den Krümel vom Krankenhaus zu bekommen, war ein Kraftakt, der sehr stark an unseren Nerven gezehrt hat. Wir wurden als „unnormal“ hingestellt und mussten einige Steine überwinden, bekamen einige schmerzliche Sätze zu hören. Wir waren kurz davor, aufzugeben und es einfach sein zu lassen. Es wäre so viel leichter gewesen, das Baby im Sternengarten beisetzen zu lassen. Doch die Beisetzung wäre erst in fünf Monaten gewesen und wir hätten nichts beitragen können. Unser Baby wäre eines von sehr Vielen gewesen und wir wären ein Elternpaar von Vielen gewesen. Ich glaube nicht, dass ich dabei den Frieden gefunden hätte, den ich nun habe. Der Kraftakt hat sich definitiv gelohnt.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum es nicht einfach normal ist, den Eltern anzubieten, ihr Kind mitzunehmen und zu beerdigen. Bevor die Kinder bestattungspflichtig werden, sind sie winzig klein. Man darf ja auch nach erfolgreicher Geburt die Plazenta mitnehmen und im Garten vergraben. Warum ist es nicht einfach normal, den Eltern Gelegenheit zu geben, sich zu verabschieden. Sie zu einem Ritual, IHREM Ritual, zu ermutigen und sie Frieden finden zu lassen. Es sollte natürlich keine Pflicht sein, aber ein selbstverständliches Recht, um das man nicht kämpfen muss. Ich bin sicher, es würde vielen dabei helfen, den Verlust besser auszuhalten und zu ertragen.

Am Abend stolpere ich unerwartet über ein Foto, das mir nochmal richtig den Boden unter den Füßen wegzieht. Es zeigt mich, wie ich unsere winzig kleine, neugeborene Tochter im Arm halte, sie schreit und ich weine. Es wurde einen Tag nach ihrer Geburt aufgenommen, als die Fotografin für die Neugeborenenbilder da war. Die kleine Maus hat geweint und mein frisch gebackenes Mamaherz konnte es kaum ertragen. Dieses Bild zeigt so viel: wie klein und zerbrechlich sie war, fast zu klein, um sie in den Armen zu halten (Sie wog nur etwa 2.500g, weil sie es so eilig hatte, zur Welt zu kommen und etwas früher dran war). Wie ich sie halte, noch ein bisschen unbeholfen, doch voller Liebe. Und mein Gesicht, so voller Gefühl für dieses kleine Wesen an meinem Herzen. Dieses Bild zu betrachten zerreißt mir fast das Herz. Es führt mir überdeutlich vor Augen, was ich verloren habe. Was ich für dieses Baby nicht tun und sein kann.

Ich glaube, an diese Momente werde ich mich gewöhnen müssen. Es wird sie immer wieder geben, unerwartet und voller Schmerz. Doch es sind gute Momente, denn sie erlauben mir einen Blick in mein Herz. Sie zeigen mir, wie es mir tatsächlich geht. Und sie machen mir bewusst, dass die Tatsachen, dass der Alltag und die Routine nun wieder begonnen haben, dass ich wieder lachen kann und möchte, dass das Leben auch wieder schöne Seiten hat, nicht bedeutet, dass ich nicht um mein Kind trauere oder es gar vergesse. Es ist gut, das zu wissen.

Die Zeit vergeht

Ich zähle keine Tage mehr, sie kommen und gehen, wie es immer der Fall war. Der Tag, an dem es einen Monat her war, kam und ging, der Tag, an dem ich wieder meine Periode bekam, kam und ging ebenfalls und auch drei Arbeitswochen sind nun schon um.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut es mir geht. Vor dem ersten Monatstag hatte ich Angst. Es war auch kein einfacher Tag, doch besonders schlimm war er nicht. Etwas emotionaler vielleicht, etwas angefüllter mit Gedanken, die schon weniger waren.

Vor der Blutung hatte ich ebenfalls Angst. Nach meiner ersten Fehlgeburt haderte ich mit jeder einsetzenden Periode. Ich war so frustriert, dass es wieder nicht geklappt hatte und ich nun doch in der neunten, elften, vierzehnten Woche sein müsste. Jeder Gang zur Toilette erinnerte mich daran und wühlte mich sehr auf.

Diesmal war es nicht so. Die Blutung kam pünktlich und ich konnte meinem Körper tatsächlich Respekt dafür zollen, dass er das direkt wieder so regelmäßig auf die Reihe kriegt. Ich war nicht enttäuscht oder frustriert, denn es konnte ja zu keiner Schwangerschaft gekommen sein. Auch die Rechnerei, wie weit ich nun wäre, währte nur kurz. Der Verlust ist nicht die Schwangerschaft, zumindest nicht hauptsächlich. Der Verlust ist mein Kind. Und das ist tot.

Vor einigen Tagen schrieb mir eine Frau im Forum, dass wir in einer ähnlichen Situation seien. Sie hatte ihren Sohn in der 36. Schwangerschaftswoche durch eine Plazentaablösung verloren. Ich antwortete ihr, dass ich das nicht so empfände, denn sie habe sich bereits auf Geburt und ein Leben mit ihrem Kind eingestellt, wohingegen ich noch nicht mal richtig im Schwangersein angekommen war. Sie antwortete mir, dass das doch unerheblich sei. Denn sicherlich hätte auch ich mein Kind zu gerne kennengelernt, es gehalten, gestillt, in den Schlaf begleitet, gesehen, wie es aufwächst. Wäre ihm eine Mutter gewesen.

„Es ist nicht nötig, etwas zu vergleichen oder dem Verlust eine Relation zu geben.“ Dieser Satz ist von mir. Ich schrieb ihn, um eine Frau zu trösten, geraume Zeit, bevor ich mein erstes Kind verlor. Irgendwie war ich nur nicht in der Lage, ihn auf mich anzuwenden. Die Worte dieser  Frau gingen mir direkt ins Herz und waren sowohl schmerzlich, als auch tröstlich. Denn es gibt keine Relation, auch wenn unser Gehirn immer wieder versucht, eine zu finden. Es ist weder möglich, noch nötig.

Die Tage verlaufen im Großen und Ganzen gut. Bei der Arbeit ist es ziemlich stressig, aber das ist auch irgendwie nichts Außergewöhnliches. Es fordert mich meistens heraus und das ist an sich gut. Durch die Pause vom Kinderwunsch kann ich meine Kinder plötzlich wieder ganz anders genießen. Es ist so viel einfacher, den Blick auf das zu richten, was man hat, wenn man nicht permanent damit beschäftigt ist, dass man nicht bekommt, was man sich wünscht. Irgendwie ist es erstaunlich, dass mir das ausgerechnet jetzt, nach diesem schrecklichen Erlebnis und diesem schlimmsten Verlust, plötzlich möglich ist. Ich habe vorher monatelang versucht, an diesen Punkt zu kommen, doch es ist mir nicht gelungen. Ich genieße die Zeit, die ich mit ihnen verbringe, ganz anders und empfinde sie viel seltener als anstrengend und häufiger als Qualitätszeit. Das ist richtig schön und ich merke, dass auch die beiden irgendwie gelöster und fröhlicher wirken.

Doch es gibt auch immer wieder Momente, in denen ich damit konfrontiert bin, dass es mir noch nicht wieder gut geht. Auch wenn die Tage gut laufen und ich selbst oft überrascht bin, mit welch guter Stimmung ich sie erlebe, der Schmerz und die Trauer sind immer noch da. Manchmal erscheint es mir noch immer, als hätte es nichts mit mir zu tun. Dann wieder packt es mich richtig heftig und ich kann gar nicht aufhören, zu weinen. Ich bin weitaus weniger belastbar als sonst. Ich arbeite mit Menschen und da kommt es immer wieder mal zu Auseinandersetzungen. Das ist nichts Neues, ebenso wenig wie die Tatsache, dass meine Kolleginnen und ich grundsätzlich Schuld sind. Wir müssen uns häufig auf völlig unangebrachte Weise vorgebrachte Beschwerden und Anschuldigungen anhören, das ist leider ein großer Teil unseres Jobs. Das setzt mir im Moment viel mehr zu, als sonst. Ich bin häufig auch einfach nicht bereit, so mit mir umgehen zu lassen. Schicksale von Menschen – auch damit sind wir regelmäßig konfrontiert – berühren mich schon immer, aber im Moment kann ich schlecht damit umgehen. Immer wieder kommt es vor, dass ich mir einige Minuten Auszeit nehmen muss, um weitermachen zu können. Vor kurzem war es besonders heftig und mir wurde zum ersten Mal überhaupt bewusst, dass es so ist.

Jeden Abend gehe ich nach draußen, und zünde eine Kerze in der Laterne auf dem Grab an. Unvorstellbar, wie viel Frieden diese kleine Geste bringt. Vielleicht ist es auch einfach die Tatsache, dass es etwas gibt, das ich tun kann, ich weiß es nicht.

Ich versuche, dass was wir erlebt und verloren haben, zu verarbeiten. Aber ich schaue auch nach vorne und erlebe wieder viel Freude in meinen Tagen.

Es sind die kleinsten Füße, welche die tiefsten Spuren in unseren Herzen hinterlassen.<span></span>